Crowdinvesting: warum, wie viel und in wen ich investiere

Zur Sache: Meine ersten Gedanken, meine ersten Schritte, meine ersten Startups.

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Irgendwann muss es ja mal richtig losgehen mit der vielfach angekündigten Serie – und persönlich werden. Also los: ein kleiner Gedanken- und Erlebnisbericht anhand von drei Fragen.

Warum betreibe ich Crowdinvesting?

Prinzipiell bin ich eher konservativ und skeptisch in Sachen Geldanlage. Ich springe nicht auf jeden neuen Trend auf, und ich bin erst einmal misstrauisch gegenüber allen gut klingenden Geschichten. Aktien, Anleihen, ETFs und Festgeldkonten sind sehr transparente, ausgereifte Instrumente für die Geldanlage. Passive Buy-and-Rebalance-Strategien bringen niedrige Kosten sowie wenige Arbeit mit sich, und ihre Erfolgsaussichten sind gut erforscht. Ich könnte also dazu neigen, einfach für die nächsten 20 Jahre bei dem zu bleiben, was sich für die Allgemeinheit und für mich persönlich bewährt hat. Keine Experimente mehr.

Aber ich bin ja auch ein Spielkind. Es macht mir Spaß, Neues auszuprobieren – auch wenn ich dank Skepsis und Konservatismus (siehe oben) länger dafür brauche als andere. Mir ist es wichtig, Augen und Geist offen zu halten für spannende neue Entwicklungen, die mehr sein könnten als ein kurzfristiger Trend. Und die dank günstiger struktureller Voraussetzungen auch für Anleger mehr sein könnten als ein weiterer Weg, hart verdientes Geld effektiv zu versenken.

Ich habe den Verdacht, die Veränderung des Kapitalmarktes und Finanzvertriebs durch das Internet könnte eine solche Entwicklung sein. Crowdinvesting ist für mich persönlich einer der spannendsten Bestandteile dieser Entwicklung. Und so sehr ich auch die Vorzüge von Langeweile und Vorhersehbarkeit in Sachen Geldanlage schätze: Wenn es darum geht, über ein Thema auch längerfristig zu berichten, sind Dynamik und Unvorhersehbarkeit echte Vorzüge.

Deshalb sehe ich Crowdinvesting als ideales Thema für mein Blog: Es macht mir Spaß, es hilft mir, eine wesentliche, unser Gesellschaft und mein Berufsfeld verändernde Entwicklung besser zu verstehen, es ist für eine gar nicht so kleine Zahl von Personen relevant. Und es birgt Potenzial für Überraschungen, Skandale, neue Erkenntnisse. Kurz: Es bietet mir die Chance, meinen Horizont zu erweitern und Der Privatanleger auch nach sechs Jahren Blogging noch einmal neue inhaltliche Impulse zu geben.

Ich investiere also nicht um des Investierens willen. Ich bin skeptisch, was die Renditeerwartung von Crowdinvesting angeht. Aber ich bin optimistisch, dass die Auseinandersetzung damit sich für mich persönlich lohnt, wenn ich auch andere Faktoren in die Kosten-Nutzen-Rechnung einbeziehe: Horizonterweiterung, Spaß, Blogging-Motivation, Selbstvermarktung und so weiter.

Wie viel investiere ich in Crowdinvestments?

Weil ich vor allem investiere um zu lernen und darüber zu berichten, möchte ich mein finanzielles Engagement in Crowdinvestments so gering wie möglich halten. Also: möglichst nahe an der imaginären Schwelle, die den Übergang vom Spielgeld zur ernsthaften Geldanlage markiert. Eine Studie von Chen et. al. empfiehlt für aggressive Aktienportfolios einen Venture-Capital-Anteil von 2 bis 9 Prozent.  Ich orientiere mich an der dort genannten Untergrenze – und zwar als Obergrenze für mein eigenes Portfolio. Über einen Zeitraum von rund zwei Jahren möchte ich mithilfe mehrerer wirklich kleiner Beteiligungen ein einigermaßen diversifiziertes Crowdinvestment-Portfolio aufbauen. Sollte ich auch in einem Jahr nur in fünf Unternehmen investiert sein, ist das kein Problem, auch wenn dann die Diversifikation innerhalb des Startup-Portfolios gering bleibt. Wichtig sind letztlich ja die Auswirkungen auf das Gesamtportfolio. Und die sollen zu jeder Zeit beherrschbar bleiben. Motto: Schlimmer als bei meinen langjährigen, höhervolumigen und in diesem Jahr aufgelösten Investments in Rohstoff-ETFs wird es schon nicht werden.

In welche Startups investiere ich?

Damit das klappt, versuche ich mit meinen extrem bescheidenen Mitteln ein möglichst aussichtsreiches Portfolio von Startups auszuwählen. Das allerdings ist extrem schwierig und wird sicher noch Stoff für viele Artikel bieten. Hier erst einmal ein Überblick über die drei Investments, die ich bisher getätigt habe – samt kurzer Begründungen zu jedem einzelnen.

Nixe Deutschland GmbH

Ein Haufen Schönlinge mit Model-Vergangenheit, die mit österreichisch-deutschem Muckibuden-Charme und schönen Bildern ein Lifestyle-Bier ohne Substanz (Low Carb – hehe), aber – so das Versprechen – viel Geschmack in den Markt drücken wollen? Genau mein Ding! Ich glaube zwar nicht, dass ich zur Zielgruppe von Nixe Bier gehöre, aber ich möchte dabei sein, wenn Nixe Marktführer auf dem noch zu entwickelnden Low-Carb-Bier-Markt wird.

Was mich an diesem Startup so überzeugt hat, dass ich es prompt (und ehrlicherweise: ohne allzu viel zu überlegen) zum einem ersten Investment gemacht habe? Ich war da vermutlich ein bisschen PR-Opfer – und das als so genannter PR Professional: Nixe hat zum Start seiner Crowdfunding-Kampagne eine professionelle Pressemitteilung mit einer gut erzählten Story an mich geschickt (den Slogan „Im Frühling ins eigene Sixpack investieren“ finde ich immer noch cool). Geschäftsführer Philip Dirschauer stand ohne viel Federlesens für ein paar Rückfragen zur Verfügung. Das deutsche Unternehmen ist ein Ableger eines in Österreich bereits etwas etablierteren Startups. Und das Produkt ist zwar nicht weltbewegend, aber einfach zu verstehen. Außerdem besteht das Team nicht nur aus Ex-Models, sondern auch aus Gastronomie-Veteranen, die wirken, als wüssten sie, was sie tun. Ich bin gespannt.

EBS Technologies

Mein zweites Portfolio-Unternehmen stellt ein ziemliches Kontrastprogramm zu Nixe dar: EBS Technologies möchte mit „innovativer Medizintechnik aus Deutschland“ reüssieren. Kern des Geschäftsmodells ist ein Neuro-Stimulationsverfahren zur Behandlung neurologisch bedingter Einschränkungen des Gesichtsfeldes. Ich möchte nicht so tun, als würde ich den Markt dafür, die Wirksamkeit des Verfahrens und die wissenschaftlichen Belege dafür sowie den bisherigen Erfolg des Unternehmens auf dem Weg zur Profitabilität oder zum Exit wirklich verstehen. Aber. Es gibt doch einige Argumente, die mich überzeugt haben.

  • Eine Reihe renommierter Kapitalgeber haben bereits in EBS investiert. Parallel zum Crowdfunding lief eine weitere Wagniskapitalrunde zur gleichen Bewertung wie das Crowdinvesting. Das Crowdinvesting wird gezielt als Marketingbestandteil genutzt.
  • Im Unterschied zu Nixe gibt es bereits einen sehr konkreten Plan für die Geschäfts- und Gewinnentwicklung. Die Gründer sind ebenso wenig Models wie die jetzigen Unternehmenslenker, aber sie wirken sehr erfahren und haben sehr genaue Vorstellungen, bis wann und auf welchen Wegen sie Geld für sich und die Investoren verdienen wollen.
  • Auf Companisto wurden sehr viele kritische Fragen zum Unternehmen gestellt und beantwortet, auf ziemlich offene Art, wie ich finde.
  • Ich bin Brillenträger. Zwar einfach nur kurzsichtig (noch ein tolles Wortspiel in Bezug auf Investments…). Aber alles was mit der Verbesserung von Sehkraft zu tun hat, ist mir sympathisch.

Bedenken habe ich allerdings dennoch: Bisher zum Beispiel blieben die tatsächlich erwarteten Umsätze hinter den zuvor formulierten Erwartungen zurück. Aus Neue-Markt-Zeiten erinnere ich mich noch, dass dies für vermeintlich aufstrebende Unternehmen nicht unbedingt ein gutes Zeichen ist. Aber als überzeugter Investor blendet man solche Kleinigkeiten ja problemlos aus. Ich bin gespannt.

Freygeist

Zugegeben: Der Name meines dritten und bisher letzten Crowdinvestments weckte bei mir spontan merkwürdige Assoziationen an Nazis, Neonazis und Neue Rechte. Aber m
an soll ja nicht hinter jedem Baum ein Monster und nicht hinter jedem merkwürdig geschriebenen deutschsprachigen Wort einen Reaktionär wittern – zumal diese blöden Assoziationen Freygeist und dem dahinter stehenden Team auch nicht gerecht werden.

Also habe ich die blöden Assoziationen irgendwann überwunden. Freygeist baut nämlich E-Bikes. Richtig coole E-Bikes, die zwar nicht billig sind, aber dafür auch einiges bieten (wenn das Unternehmen hält, was es verspricht): Das Freygeist-Rad hat einen Elektromotor, sieht aber aus und lässt sich fahren wie ein ganz normales Fahrrad. Es wiegt nur 12 Kilogramm, fährt weit und schnell und ist dabei preislich konkurrenzfähig. Das Gründerteam wirkt wirklich überzeugt und überzeugend. Viele Details von den Lieferketten bis zur Markterschließung werden eingehend erläutert, und die Crowd ist begeistert: Mithilfe von 1.111 Investoren hat Freygeist die maximal geplante Fundingsumme auf der Plattform Companisto voll ausgeschöpft.

Und zugegeben: Weil ich eher einer der letzten der 1.111 Investoren war, hatte ich bei diesem Startup sogar das ebenso aufregende wie gefährliche Gefühl: schnell mitmachen, sonst verpasst Du eine tolle Gelegenheit! Also, habe ich mitgemacht. Enttäuscht mich nicht, Ihr Freygeister. Denn im Moment seid Ihr mein Lieblings-Startup. Ich bin gespannt.

Die anderen

Obwohl sich meine Kurzbegründungen möglicherweise wenig systematisch und sorglos anhören, sind übrigens bei meiner ersten Investitionsrunde eine ganze Reihe von Plattformen (Seedmatch, Deutsche Mikroinvest, Bergfürst) und Unternehmen (Joadra, McCube, Alga Pangea, Senlight, Wie Männer über Frauen reden, Der Industriegigant, Unyte usw.) auf der Strecke geblieben. Manchmal nach einem einzigen Blick, manchmal nach längerer Beschäftigung. Aber das bietet vermutlich schon wieder genug Stoff für einen eigenen Artikel.

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10 Responses

  1. Christoph sagt:

    Hallo Holger,
    spannend! Du schaffst es immer wieder, interessante Themen rauszupicken. Mir war es immer zu aufwändig, mich ernsthaft mit Crowdinvesting zu beschäftigen, obwohl ich den Gedanken schon seit einiger Zeit spannend finde.
    Und dann hast Du noch in einem Nebensatz fallen lassen, dass Du Deine Rohstoffinvestments beendet hast. Ich erinnere mich, dass wir über den Sinn und Unsinn von Rohstoffinvestment viel diskutiert (und wenig verstanden) haben. Da würde ich mich doch gleich über einen Artikel zu Deinen Beweggründen zum Ausstieg freuen (bettel)!
    Viel Erfolg beim crowdinvesten
    Christoph

  2. Holger sagt:

    Hallo Christoph,

    ja, beim Schreiben kam mir auch in den Sinn, dass die Rohstoff-Sache vielleicht bei dem einen oder anderen Fragen aufwirft, der das Thema schon länger verfolgt. Der Grund für den Verkauf lohnt aber vermutlich keinen eigenen Artikel – oder zumindest keinen, um den es vorrangig um Rohstoffe geht. Wir mussten wegen einer Immobilie Teile des Portfolios auflösen, und da kamen neben steuerlich günstigen Positionen und Immobilienpositionen natürlich auch diejenigen dran, von denen ich besonders wenig überzeugt war. Und da sich seit unserer letzten Diskussion zum Thema bei mir wenig geändert hatte wissenstechnisch (könnte eine positive Renditeerwartung haben oder auch nicht, die schlechte Performance/Rollverluste könnten kurzfristige Erscheinungen sein oder auch nicht), standen Rohstoffe ziemlich weit vorne auf der Liste. Ohne diesen Anlass hätte ich sie – bzw. den einen Rohstoff-ETF, den ich hatte – aber womöglich einfach noch eine Weile behalten.

    Viele Grüße
    Holger

  3. Christoph sagt:

    Hallo Holger,
    dass die Antwort so einfach sein könnte, kam mir gar nicht in den Sinn. Ich hatte schon wieder auf eine ganz große Erleuchtung gehofft.
    Obwohl ich die Idee irgendwie gut finde, eine Immobilie zu kaufen, um damit die Rohstofffrage pragmatisch zu beantworten…

  4. Tobi sagt:

    Hi,
    ich finde das Thema Startups prinzipiell auch echt interessant. Ich habe auch mal überlegt, da ich wegen meinem Blog angeschrieben wurde ob ich Interesse an dem Thema habe, allerdings haben mir die Bedingungen der Finanzierung einfach nicht gepasst, zumindest da wo ich geschaut hatte.

    Prinzipiell ist der Investor in eine Nachranganleihe ja eigentlich der letzte Depp: er hat nicht das Stimmrecht, das mit Eigenkapital verbunden wäre, er partizipiert am möglichen Erfolg des Investments nur zu Teilen, bekommt einen recht mickrigen Zins und falls es eine Insolvenz gibt braucht er sich erst gar keine großen Hoffnungen machen, noch irgendwas abzubekommen.

    Das Beispiel das ich mir damals angeschaut hatte, war so konstruiert dass man auch im besten Fall unter 10% Rendite im Jahr bekommen hätte, da die Gewinnbeteiligung in erhöhten (aber gedeckelten) Zinssätzen bestand.

    Daher meine Frage: könntest du, falls du noch einmal näher auf deine Investitionen eingehst, etwas dazu schreiben was die maximale Gewinnerwartung wäre falls es in dem jeweiligen Fall eine gibt, und wie im Fall eines „Nicht-Durchstartens“ die Verzinsung oder Rückzahlung geregelt ist? Denn wenn es um eine Investition geht, ist ja nicht nur der potentielle Gewinn, sondern auch potentielle Verlust wichtig.

  5. Duisburg sagt:

    Interessanter Bericht, ich finde gut das du das Thema mal ordentlich zerpflückt hast, es ist ja doch ein recht großes Thema.
    Ich habe auch schonmal überlegt bei Crowdinvesting mitgemacht wusste aber noch nicht wieso ich es tatsächlich machen soll, dieser Artikel hat mir aber sehr geholfen mich umzustimmen, ich werde definitiv investieren.

  6. Für mich kommt Crowdinvesting als Anlageform eher nicht infrage. Das ist mir einfach zu risikoreich. Ich finde Crowdinvesting eher aus der Sicht der Unternehmensfinanzierung interessant: Eine weitere Möglichkeit neben den klassischen Angeboten der Banken.

    Vielleicht eher etwas für Risikokapitalgeber, die gezielt in bestimmte Start-ups investieren wollen, die sie vorher intensiv geprüft haben. Diese Möglichkeit habe ich als Privatanleger nicht unbedingt.

  7. Hallo,
    ich finde das Thema „Startups“ auch sehr spannend, bin aber noch skeptisch, ob ich den richtigen „Riecher“ dafür habe…
    Eine Entwicklung vorherzusehen, erfordert viel Geschick und auch ein bisschen Glück 🙂

    Viele Grüße

  8. Jonas sagt:

    Hallo,

    ich bin auch in Freygeist investiert, bin ein Testbike schon selbst gefahren, gute Wahl!

    Grüße

  9. Francine sagt:

    Ich bin auf den Post zu „warum ich mich gegen … entschieden habe“ gespannt!

    Habe selber 2013 den möglichen Mindestbetrag in zwei Startups auf Seedmatch investiert. Eines davon ist schon insolvent. Ich bin noch nicht komplett abgeschreckt, aber etwas überlegter als damals will ich es vielleicht doch in Zukunft angehen…

  10. Erik sagt:

    Hallo,

    ich habe in Protonet investiert und andere Beteiligung im Bereich Crowedinvesting. Einige davon sind ausgefallen warum eine Streuung unbedingt sinn macht. Zudem war es sehr Anspruchsvoll die Verlustaversion zu überwinden :). Zudem habe ich festgestellt das die Beteiligungserträge den Emittenten meist übervorteilen da sich Kleinanleger meist keine Anwälte zur Prüfung leisten kann. Die spannenden Fragen tauchen meistens bei folgenden Kapitalerhöhungen auf. Investoren haben schrecken meistens vor der Beteiligungsstruktur Crowedinvesting zurück.

    Erik

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