DAX: die 8.000 Punkte und die Repräsentativitätsheuristik

Die Verhaltensökonomik kann helfen zu erklären, warum wir so viel Aufhebens um eine ziemlich zufällige Zahl machen.

Der DAX hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe runder Indexstände erreicht und gekreuzt – mal von oben, mal von unten: 4.000 Punkte, 5.000 Punkte, 6.000 Punkte, 7.000 Punkte. Aber um keine dieser Marken wurde so viel Aufhebens gemacht wie um die aktuell wieder aus dem Blick geratenden 8.000 Punkte. Aber warum ist das so? Ich glaube, die Behavioral Finance, die Verhaltensökonomik, liefert eine ziemlich überzeugende Erklärung. Sie zeigt nämlich, warum wir so viel Wert auf bestimmte, markante Kursstände legen. Und als Teil unserer Oster-Blogparade möchte ich versuchen, diese Erklärung einmal nachzuvollziehen.

Amos Tversky und Daniel Kahneman, zwei Pioniere dieser Disziplin haben nämlich bereits in den 1970ern verschiedene Heuristiken (sozusagen Hilfsmechanismen) identifiziert, derer wir uns bedienen, wenn wir Entscheidungen treffen müssen. Eine davon ist die sogenannte Repräsentativitätsheuristik. Wir nutzen sie Tversky und Kahneman zufolge zum Beispiel dann, wenn wir beschreiben müssen, mit welcher Wahrscheinlichkeit Ereignis A zu Ereignis B führt (also etwa das Erreichen eines DAX-Standes von 8.000 Punkten zu einem nachfolgenden Crash am Aktienmarkt) oder entscheiden sollen, ob ein Sachverhalt zu einer bestimmten Gruppe von Sachverhalten gehört (also etwa, ob ein DAX-Stand von 8.000 Punkten zu den Situationen gehört, in denen die Börse drastisch überbewertet ist).

Wenn wir nun die Repräsentativitätsheuristik anwenden, um zu entscheiden, wie es mit dem DAX weitergehen wird, nachdem er in diesem Jahr die 8.000 Punkte überschritten hat, schauen wir also zurück auf ähnliche Situationen in der Vergangenheit – und ziehen daraus unsere Schlüsse. In der Vergangenheit deutete ein DAX-Stand von 8.000 Punkten stets auf eine deutliche Überbewertung hin und läutete das Ende eines Höhenflugs ein. Also könnte es diesmal auch so sein.

Mustererkennung und technische Analyse

Falls sich das für den einen oder anderen nach schlecht formulierter Charttechnik anhört: Ja, technische Analyse gründet sich praktisch ausschließlich auf die Anwendung der Repräsentativitätsheuristik. Charttechniker gehen davon aus, dass sich bestimmte Muster nicht nur häufig wiederholen, sondern auch regelmäßig auf eine bestimmte Fortsetzung hindeuten – einen „Ausbruch“ nach oben, ein „Abprallen“ nach unten und Ähnliches.

Einziges Problem: Die Wissenschaft ist sich ziemlich einig darin, dass Aktienkurse zumindest kurzfristig einem ziemlich zufälligen Verlauf folgen – es können also gar keine aussagekräftigen Muster entstehen. Und wenn wir doch solche Muster entdecken, dann spielt uns unsere Wahrnehmung vermutlich einen Streich – und zwar mittels der Repräsentativitätsheuristik.

Ein einfaches Beispiel: Fast jeder weiß, dass bei einem fairen Münzwurf die Chance, dass Kopf fällt, bei genau 50 Prozent liegt. Dennoch können auch bei einer Abfolge von Münzwürfen scheinbar aussagekräftige Muster entstehen. Zum Beispiel: Kopf, Kopf, Zahl – Kopf, Kopf, Zahl – Kopf, Kopf – na, was folgt als nächstes? Natürlich: Wir wissen es nicht. Aber wir sind nun einmal dafür geschaffen, Muster zu erkennen, um auch dann möglichst gute Entscheidungen treffen zu können, wenn uns in einer unsicheren Situation nur wenige Informationen vorliegen. Und manchmal geht das eben in die Hose.

Davon auszugehen, dass der DAX wieder fallen muss, weil es in der Vergangenheit nach der 8.000-Punkte-Marke jedes Mal wieder nach unten ging, ist ein Beispiel dafür. Es ist eben nicht zwangsläufig so, dass der DAX diesmal überbewertet ist, nur weil er das beim letzten Mal war. Schließlich ist die Zusammensetzung des Index kaum mit der vor sechs Jahren oder vor 13 Jahren vergleichbar. Der deutlich niedrigere Stand des DAX-Kursindex ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Fortschreibung der Vergangenheit vielleicht so einfach doch nicht ist. Umgekehrt gilt aber natürlich auch nicht, dass es diesmal (oder bei einem „nachhaltigen“ Überschreiten der magischen Marke) endlich klappen muss mit dem Einläuten eines Ansturms auf die 10.000 oder sogar 15.000 Punkte.

Das ist für uns vielleicht intellektuell gar nicht einmal schwer zu verstehen, aber emotional schwer zu begreifen. Denn die 8.000 Punkte des DAX sind für uns aufgrund der Vergangenheit eindeutig als „hoher“ Wert zementiert, als Ankerpunkt (auch das ist ein Begriff aus der Behavioral Finance). Und die schlichte Einsicht, dass es von dieser magischen Marke genauso gut seitwärts, aufwärts oder abwärts weitergehen kann wie von 7.243 oder 5.789 Punkten aus, ist eben nicht nur ziemlich langweilig – sie bietet auch überhaupt keine Orientierung.

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5 Responses

  1. plutusandme sagt:

    Sehr interessanter Artikel.
    Gut gefallen hat mir der Punkt mit der Mustererkennung.
    Ob der Dax fällt oder steigt wissen wir alle nicht, aber ich schätze sehr den Herrn Kostolany und der sagte:
    Eine Aktien steigt , wenn es mehr Käufer als Verkäufer gibt und sie fällt wenn es mehr Verkäufer als Käufer gibt. Der Satz ist gut. Stellt sich die nächste Frage:“ Wann gibt es mehr Käufer als Verkäufer?“ Tja, daran arbeite ich immer noch.

  2. Holger sagt:

    Schöner Artikel, Holger.

    Ich denke auch, dass uns vor allem die Ankerpunkte stark beeinflussen. Sie dienen im Alltag zur Orientierung, nützen beim Anlegen aber herzlich wenig bzw. schaden dort eher.

    Zur Technischen Analyse fällt mir immer ein:
    “Humans are pattern-seeking story-telling animals“ (Michael Shermer)

    Viele Grüße
    Holger

  3. Holger sagt:

    Danke fürs Lob und die schönen Zitate. Aber warum sagt mir denn keiner, dass ich durchgängig das unschöne (aber korrekte) Wort Repräsentativitätsheuristik durch das auch nicht wesentlich schönere und dazu noch falsche Wort Repräsentativheuristik ersetzt hatte? 😛

    Viele Grüße
    Holger

  4. Christian289 sagt:

    Finanztest hat sich jetzt ebenfalls mit dem Thema ausgewogenerer Depots mit verschiedenen Anlagenklassen auseinandergesetzt und bringt in der kommenden April-Ausgabe einen entsprechenden Artikel. Online ist er bereits abrufbar (3€).

    https://www.test.de/Geldanlage-fuer-Bequeme-Steuertipps-fuer-Pantoffel-Portfolios-4524749-0/

    Auf den ersten Blick finde ich ihn allerdings nur bedingt gelungen (habe den Artikel allerdings bisher nur überflogen)…
    – m.E. wird zu wenig auf Risikogesichtspunkte eingegangen und z.B. auch ein „nationales Depot“ mit deutschen Staatsanleihen und Aktien vorgestellt ohne besonders auf die Vorteile von global aufgestellten Portfolios einzugehen
    + Überblick über die Notwendigkeit des Rebalancings und wie häufig es durchgeführt werden sollte, insbesondere in Bezug auf die Kosten
    – Schreibstil à la „bequeme Pantoffel“ (auch wenn es mit dem Inhaltlichen nichts zu tun hat)

  5. Peter sagt:

    Zurückschauen auf ähnliche Situationen in der Vergangenheit und daraus Schlüsse ziehen… Ich beobachte das gerade an mir selbst, wenn ich z.B. einen Blick auf den Silberchart werfe – da denke ich mir, Silber erreicht locker wieder 30 Dollar (derzeit kostet es knapp 27) und bin mir so sicher, dass ich am liebsten Optionsscheine kaufen würde… Es ist erstaunlich, welche Kraft diese Repräsentativitätsheuristik ausübt. Aber ich habe mich zurückgehalten und stattdessen ein paar Silbermünzen gekauft.

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