Der Home Bias – ist die weltweite Aktienanlage wirklich ratsam?

Einfach nur auf den DAX zu setzen, kann durchaus Vorteile gegenüber einer internationalen Streuung haben

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„Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ – oder etwas wissenschaftlicher: „Menschen lehnen ein Risiko eher ab, wenn sie die jeweilige Situation nicht einschätzen können bzw. die relevanten Einflussfaktoren nicht kennen“ (O. Schulz, R.v.Nitzsch, 2005). Auf das Anlageverhalten bezogen bedeutet dies, dass Privatanleger dazu neigen, eher heimische Aktien oder Indizes zu kaufen als weltweit zu investieren. Da theoretisch eine Verteilung der Anlagesumme auf eine Vielzahl von Märkten eine höhere Rendite erbringen müsste, scheinen Anleger, die zum Beispiel ausschließlich in den DAX investieren, einen strategischen Fehler zu begehen. Aber ist dies auch in der Realität so?

Die Autoren Grauer/Hakansson zeigen zum Beispiel für einen US-Investor, dass ein internationales Portfolio eine um 2,8 Prozent höhere Rendite ohne größeres Risiko erbracht hätte, während eine andere Untersuchung keinen Vorteil erbrachte (Sinquefield, 1996). „Aus Sicht eines deutschen Investors untersuchen Maurer/Mertz (2000) und Gerke u. a. (2005) die Vorteilhaftigkeit einer internationalen Diversifikation und belegen mit optimierten Portfoliostrategien ein zusätzliches Renditepotential“ (aus O. Schulz, R.v.Nitzsch). So ganz überzeugend hören sich die Untersuchungen jedoch nicht an. Aus diesem Grund ist der Verfasser nicht mit wissenschaftlicher Akribie, aber dennoch systematisch aus Sicht des Privatanlegers dem Phänomen des Home Bias nachgegangen.

Warum sollten Privatanleger eine weltweite Aktienauswahl treffen?

Ein Privatanleger könnte folgende Überlegungen anstellen: Die im DAX vertretenen Unternehmen haben allesamt internationale Geschäftsbeziehungen und sind teilweise in erheblichem Umfang im Export tätig, das heißt auch mit einem nationalen, deutschen Portfolio ist eine weltweite Streuung gegeben. Des weiteren gehört Deutschland zu den stärksten Wirtschaftsnationen der Welt, stellt eine stabile Demokratie mit hoher Rechtssicherheit dar, wodurch das Länderrisiko begrenzt ist. Zu guter Letzt besteht auch kein zusätzliches Wechselkursrisiko. Warum soll der Privatanleger also eine weltweite Aktienauswahl treffen?

Um festzustellen ob Renditeunterschiede zwischen der weltweiten und regionalen Aktienanlage nachweisbar sind, erfolgte der Vergleich von sieben Aktienfonds, die weltweit in Standardwerte investieren, und sieben Aktienfonds, die nur Standardwerte aus Deutschland kaufen. Um eine Zeitreihe des Vergleichs zu ermöglichen, müssen die Fonds mindestens 15 Jahre am Markt sein. Da es mehr deutsche als weltweit nach den geforderten Kriterien anlegende Fonds gibt, wurde bei den Deutschlandfonds jeder dritte Fonds aus der Fondssuche ausgewählt. Zum Vergleich kamen Zehnjahreszeiträume, beginnend im Januar 1997. Das heißt, der erste Zeitraum umfasst die Jahre  Januar 1997 bis Januar 2007 und der letzte Zeitraum die Jahre Januar 2003 bis Januar .2013. Die absolute Wertentwicklung in Euro, auf der Basis eines Anlagebetrages von 10.000 Euro, wird somit für sieben Zehnjahreszeiträume (Beginn 1997, 1998, 1999, 2000, 2001, 2002, 2003) ermittelt. Um individuelle Unterschiede bei den Fonds zu nivellieren, werden nur die Mittelwerte miteinander verglichen. Ein weiterer Vergleichswert ist die prozentuale jährliche Wertentwicklung der weltweiten und der nationalen Fonds.

Das Ergebnis: kein Nachteil durch Home Bias – im Gegenteil

Das Ergebnis ist für die Anhänger des Home Bias ernüchternd. In keinem der sieben Zehnjahreszeiträume konnten die weltweiten Fonds die nationale Anlagestrategie übertreffen.

Vergleich von sieben weltweit anlegenden Fonds mit sieben in deutsche Standardwerte investierenden Fonds (Durchschnittliche Wertentwicklung in Zehnjahreszeiträumen, Standardwerte, Anlagesumme 10.000 Euro)

Vergleich von weltweit und in Deutschland anlegenden Fonds

In allen Zehnjahreszeiträumen sind die Unterschiede sehr ausgeprägt und spiegeln sich auch in der jährlichen Rendite wider.

Durchschnittliche jährliche Rendite aus den Mittelwerten von sieben weltweit anlegenden Fonds und sieben Deutschlandfonds (Standardwerte) in sieben Zehnjahreszeiträumen (Beginn: 1997, 1998 …, 2003)

Durchschnittliche Rendite von Deutschlandfonds und globalen Fonds

Der durchschnittliche Renditevorteil pro Jahr beläuft sich bei der nationalen Ausrichtung auf rund 3,4 Prozent  über alle analysierten Zeiträume. Die größte Differenz ergibt sich in der Zeitspanne von Januar 2003 bis Januar 2013. Hier liegt der Renditeunterschied bei 5,27 Prozent pro Jahr.

Aus dieser kleinen Untersuchung lässt sich aus Sicht des Autors folgern, dass sich deutsche Anleger sehr gut überlegen sollen, ob sie tatsächlich Anteile eines weltweit investierenden Aktienfonds erwerben oder doch lieber bei den deutschen Standardwerten bleiben. Die rückschauende Untersuchung ergibt zumindest einen klaren Renditevorteil für die Anlage in deutsche Standardwerte.

Die Berechnungen basieren auf den Daten von www.fondsweb.de. Literatur: R.v.Nitzsch, O. Schulz: Forschungsbericht 04/05 FIFAM, Zu welchen Renditeeinbußen führt der Home-Bias.

Volker Gerding ist Forstingenieur, Privatanleger – und Autor des Buches 10 Mythen der Geldanlage: Weniger Fehler, mehr Erfolg bei der Vermögensbildung.

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20 Responses

  1. Tim sagt:

    Eine höhere durchschnittliche Rendite ist ja schön und gut. Diese Rendite muss aber auch irgendwo her kommen. Sprich, wie hoch war das eingegangene Risiko? Z.B. messbar duch die Volatilität. Wurden unterschiedliche Gewichtungen der Asset-Klassen gewählt (Value, Small Cap)? Ohne diese Vergleiche ist die Untersuchung meiner Meinung nach sinnlos. Ansonsten könnte man ja auch behaupten, dass eine „100% Value-Micro-Cap Bias“ oder so, die bessere Anlagestrategie wäre. Die Risikominimierung durch Diversifikationseffekte wird aber völlig außer Acht gelassen.

  2. Holger sagt:

    Ich kann Tim nur zustimmen. Die „Untersuchung“ ist interessant, weist aber sicherlich die eine oder andere methodische Schwäche auf.

    Es geht los bei der einseitigen Betrachtung des Renditevorteils. Dessen Interpretation sollte unbedingt risikoadjustiert erfolgen, sprich: Angaben zur Volatilität dürfen nicht fehlen.

    Ein Weltportfolio macht vor allem aufgrund des Diversifikationseffekts Sinn. Der Börsenwert deutscher Unternehmen macht – gemessen an der weltweiten Marktkapitalisierung – lediglich 3-4% aus. Exportstärke hin oder her…
    Um spezifischen Risiken (Branchen-, Regionen- und Einzelwertrisiko) weitestgehend zu eliminieren, führt an der Investition in den gesamten Aktienmarkt (= weltweit) kein Weg vorbei.
    Desweiteren wäre es interessant zu erfahren, um welche Art Fonds es sich in dieser Untersuchung handelt? Aktiv gemanagte, Indexfonds (nicht börsengehandelt) oder ETFs?
    Nach welchen Kriterien wurden die einzelnen Fonds ausgewählt? Warum werden die Kandidaten nicht beim Namen genannt?
    So schwingt ein wenig der Verdacht mit, das Ergebnis stand schon vor Durchführung des Vergleichs fest…

  3. Jan sagt:

    Lobenswert, dass dieses Thema aufgegriffen wird. Allerdings wird der eigentliche Mehrwert der Diversifikation, Risikosenkung, gar nicht analysiert. Die Ergebnisse beim Renditevergleich halte ich für reinen Zufall. Zum einen funken die aktiven Entscheidungen der aktiven Portfolios rein, zum anderen ist das Ergebnis je nach Zeitraum unterschiedlich. Und drittens handelt es sich um eine Vergangenheitsbetrachtung.
    Ich halte internationale Diversifikation auf entwickelte Länder für sinnvoll und empfehlenswert, auch langfristig. Ganz besonders zukünftig, wo doch die Rahmenbedingungen nicht mehr vom Markt sondern von Politikern gemacht werden, deren Interessen sich je nach Wirtschaftsraum stärker unterscheiden als freie Märkte. Aber das alles bitte nur zu den Kosten eines ETF.

  4. Volker Gerding sagt:

    Ob eine Risikosenkung durch die Beimischung internationaler Aktien, Fonds oder Indizes erreicht werden kann, ist genau die Frage vor der ein Anleger steht. Die Betrachtung der Vergangenheit kann zumindest als Hilfe für zukünftige Anlageentscheidungen herangezogen werden. Die Ausgangsfrage der kleinen, nicht repräsentativen Studie war „Wenn die Internationalisierung des Portfolios zur Risikominderung beiträgt, muss sich dies auch für den Privatanleger nachweisen lassen“. Was macht ein Privatanleger, der den internationalisierten Ansatz verfolgen möchte? Er schaut z.B. nach einem Indexfonds. Meines Wissens gibt es einen replizierenden Indexfonds auf den MSCI World erst seit 2009 (ishares) und dann auch nur auf Basis des US-Dollars. Da der Privatanleger sinnvollerweise einen längeren Anlagehorizont anstrebt – ich gehe von zehn Jahren aus -, fällt eine Betrachtung des Indexfonds für die oben aufgeführte Fragestellung aus. Was bleibt? Da es eine Reihe von Fonds gibt, die schon mehr als 15 Jahr den Ansatz verfolgen, weltweit in blue chips anzulegen, könnten diese Fonds für eine Wertanalyse herangezogen werden. Um dem Zufall zu reduzieren, wurden sieben Fonds ausgewählt (es gibt kaum mehr Fonds, welche die Kriterien „weltweit“, „large caps“, „mehr als 15 Jahre am Markt erfüllen). Dies sind dies Amundi Fonds (972095), AXA WF II (971791), Fondis (847102), HSBC GIF (974462), Investec GSF (A0QYD5), MFS Meridian (A0eSA0) und Robeco (970259). Dem gegenüber gestellt wurden Fonds, die in deutsche Standardwerte investieren und ebenfalls mehr als 15 Jahre am Markt sind. Da die Zahl der in Frage kommenden Fonds größer ist, wurde einfach jeder dritte Fonds ausgewählt, um so subjektive Vorlieben auszuschließen. Die Fonds sind: AL Trust Deutschland (847160), Allianz Verm. Deutschland (847506), Deka Lux. Deutschland (974587), Dexia Germany (987089), DWS Investa (847400), HSBS German Equity (849980) und MEAG ProInvest (975411).
    Werden für die gewählten 10 Jahreszeiträume zu den durchschnittlichen Renditen der genannten Fonds die Standardabweichungen berechnet, so ergibt sich immer eine wesentlich höhere Abweichung bei den internationalen Fonds, als bei den in deutsche Standardaktien investierenden Fonds. Die durchschnittliche Standardabweichung, bezogen auf die gemittelte jährliche Wertentwicklung, betrug bei den internationalen Fonds 2,18 und bei den deutschen Fonds 0,64. Dieser deutliche Schwankungsunterschied ist aus meiner Sicht leicht erklärbar. Die Fonds, die in deutsche Standardwerte investieren, verfügen nur über einen geringen individuellen Spielraum und orientieren sich somit hauptsächlich an den DAX-Werten, gepaart vielleicht mit Unternehmen aus dem MDAX. Die internationalen Fonds können sich dagegen aus einem riesigen Spektrum an Aktien bedienen, so dass Glück und Zufall in der Performance einzelner Fonds ein größeres Gewicht haben, als bei der deutschen Vergleichsgruppe. Somit ist auch unter Berücksichtigung der Standardabweichung in jeder der untersuchten sieben Dekaden ein Vorteil der deutschen blue chips festzustellen.
    Der in dieser kleinen Studie erkannte Renditevorteil der Anlage in deutsche Standardwerte ergibt sich m.E. auch daraus, dass über die aktienmarkttypischen Schwankungen hinaus, die internationale Anlage immer mit einem Währungsrisiko verbunden ist. Selbst bei der Anlage in den MSCI World ist neben dem Risiko der Aktieninvestition das Dollar-Risiko vorhanden. Somit ist aus meiner Sicht für den deutschen Anleger keine „reine“ Diversifizierung durch einen internationalen Aktienanteil möglich, sondern es tritt immer eine Mischung von Aktien- und Währungsrisiko auf.

    Die Theorie mag gegen die Studie sprechen, für den Anleger allerdings, der seine Rente aufbessern möchte oder das Studium seiner Kinder unterstützen will, für den wäre es in den sieben 10-Jahres-Zeiträumen immer besser gewesen in die international agierenden deutschen Großunternehmen zu investieren. Eine Diversifizierung des Portfolios sollte daher – bis zum Beweis des Gegenteils – für einen deutschen Anleger aus meiner Sicht aus einem Anteil eines replizierenden DAX- und MDAX-Indexfonds bestehen, aus festverzinslichen Wertpapieren (beste Schuldner, in Euro) und physischem Gold.

  5. Peter sagt:

    War der betrachtete Zeitraum nicht ein Zeitraum, in dem die deutsche Wirtschaft besonders gut lief? 15 Jahre ist sehr kurz.

  6. Jan sagt:

    Das Wenige, was wir seit der letzten Krise noch von den Portfolio-Theoretikern verwenden können, ist die Erkenntnis, dass Diversifikation das Portfolio-Risiko überproportional senkt. Das ist messbar und es gibt wenig Anlass, auch zukünftig daran zu zweifeln. Wenn nun diese Diversifikation noch so billig angeboten wird wie heute mit ETFs, dann ist doch eine breite Aufstellung sinnvoll aus Risiko- und Kostengesichtspunkten. Und das spricht eindeutig gegen einen DAX/MDAX-Tracker aus nur 30 Werten. Wenigstens einen MSCI Europa oder Euro hätte ich da erwartet.

    Mein Tipp für eine regionale Diversifikation wäre eine gleiche und jährlich rebalancierte Gewichtung von drei oder vier Regionen-Trackern (also Europa, USA, Japan, evtl. Asia-Pazifik, Südamerika – je nach Gusto). Das ist vernünftig, denn wie sich die Volkswirtschaften (und deren Geflecht) entwickeln werden, wissen wir nicht. Vergangenheits-Performance ist da leider keine Hilfe – die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die Zukunft wird wie die Vergangenheit, liegt bei 50%. Der MSCI World als einzelner ETF ist ganz nett, enthält aber zu 55% US Aktien.

    Übrigens: Ob die Basis nun US-Dollar sind oder Euro spielt langfristig (das ist das Thema hier) überhaupt keine Rolle, denn langfristig ist kein Staat in der Lage, Wechselkurse zu fixieren (siehe Euro, siehe China – Dollar).

  7. KLEINANLEGER sagt:

    Ein frohes neues Jahr wünsche ich allen Freunden des Privatanlegers!

    Zum Thema: Die Ausführungen zu den jeweiligen Standardabweichungen im – ergänzenden – Posting des Herrn Gerding vom 05.01.14 verstehe ich nicht.

    Aber auch ansonsten gilt: Dass etwas in der Vergangenheit so war, bedeutet im Investmentbereich nicht, dass es auch in der Zukunft so sein wird.

    Last not least: Bei einer diversifizierten Aktienanlage in unterschiedliche Regionen der Welt ist es durch das gebotene Rebalancing möglich, einen sogenannten „Diversification Return“ zu vereinnahmen. Dieser Umstand wird von Herrn Gerding nicht thematisiert. Die behauptete Überlegenheit der reinen Dax-Anlage müsste dadurch zumindest geschmälert werden.

    Viele Grüße vom KLEINANLEGER

  8. Turing sagt:

    Auch ich habe ein deutsches Übergewicht im Depot und ich sehe darin nichts schlimmes. Denn wie bereits geschrieben, sind die meisten DAX-Konzerne international tätig. Ein weiterer Grund, warum ich kein Problem mit diesem deutschen Übergewicht habe, ist die Regel, dass man das kaufen soll, was man kennt, worüber man wenigenst ein bisschen Kontrolle hat. Ich kann keine chinesischen oder japanischen Jahres- oder Quartalsberichte lesen! Und selbst in einem englischen Geschäftsbericht versteht man nicht alles auf Anhieb. Deswegen macht ein Deutscher überhaupt nichts verkehrt, wenn er sehr viele deutsche Aktien im Depot hat.

  9. Ich finde das Ergebnis durchaus spannend und konnte es mit anderen globalen Fonds / Indizes nachvollziehen.
    Die Idee einfach z.B. in den H-DAX zu investieren (auf DAX, MDax und TecDAX gibt es jeweils ETFs), also immerhin 110 Titel, und damit längerfristig etwa dieselbe Rendite wie die eines globalen Aktien-Index zu erzielen, ist für mich ein verblüffendes Ergebnis. Es könnte auch steuerlich weniger Aufwand bedeuten.

    Natürlich könnte es sein, dass sich in Deutschland die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den nächsten zehn oder fünfzehn Jahren verschlechtern. Daher würde ich auch weiterhin global diversifizieren, aber mit einem breiten deutschen Markt im Portfolio braucht sich offenbar niemand verstecken.

    VG
    Lars

  10. Volker Gerding sagt:

    Ich freue, mich, dass mein Artikel zu einer interessanten Diskussion geführt hat. M.E. sind jedoch verschiedene Fragestellungen bisher noch nicht ausreichend thematisiert worden.
    So wird zwar die Bedeutung der internationalen Diversifizierung durch ETF´s hervorgehoben, das Sektorenrisiko in den einzelnen Indizes aber vernachlässigt. Ein Beispiel aus der iShares“Familie“: Beim EuroStoxx 50 beträgt der schwankungsanfällige Sektor „Banken und Versicherungen“ 26 %, beim MSCI Word ist dieser Sektor mit 20,9 % (Finanzwerte) vertreten, während es bei einer gleichgewichteten Mischung von DAX und MDAX nur 6,7 % sind (DAX: 10,37 % Banken, 5,78 % Versicherungen; MDAX: 3,82 % Versicherungen). Angesichts der Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit ist mir dies sympathischer.

    Das Währungsrisiko der weltweiten Anlage, ist zwar angesprochen worden, wird aber aus meiner Sicht unterschätzt. Ich habe Anfang der 90er Jahre in Südamerika gelebt und weiß was es heißt, wenn die heimische Währung so stark schwankt, dass selbst Lebensmittel nur mit US-Dollar gekauft werden können oder der Staat plötzlich einen festen Wechselkurs festlegt. Für den Anleger heißt das: Was nützt der Kursgewinn der brasilianischen Aktien im Portfolio, wenn gleichzeitig der Real massiv zum Euro abwertet? Für mich ist nicht erkennbar, warum ein den Währungsschwankungen unterliegender Wert für den deutschen Privatanleger eine Risikoreduzierung gegenüber einer rein deutschen Anlage bedeuten soll. Wenn ich nicht ganz falsch liege, erfolgt doch in diesem Fall eine Vermischung unterschiedlicher risikoreicher Anlageklassen, deren Risikopotential zusammen höher sein kann, als in der Einzelbetrachtung (z.B. der Real verliert in einem bestimmten Zeitraum 10 % gegenüber dem Euro, die Aktie sinkt zwar nur 3 %, für den deutschen Anleger bedeutet dies aber einen Gesamtverlust von 13 %).

    Ein weiterer bisher nicht diskutierter Punkt ist die „Länderkorrelation“. In einer Veröffentlichung der Deutschen Bundesbank (Monatsbericht März, 2012) wird untersucht, wie „ein bestimmtes ökonomisches Ereignis eine Reihe von Variablen in bestimmter Richtung bewegt“. Ausgangspunkt ist ein US-amerikanischer Kreditangebotsschock und deren Auswirkung auf Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und GB. Die Autoren kommen zu folgendem Schluss: „Die internationale Übertragung US-amerikanischer Kreditangebotsschocks erfolgt über eine weitgehend parallele Verschlechterung der Entwicklung an den Finanzmärkten weltweit. Die synchrone Bewegung der Aktienpreise und der Langfristzinsen ist konsistent mit Arbitragmechanismen und Vertrauenseffekten“. Nach meiner Interpretation spricht auch dies nicht für eine Internationalisierung des Aktienanteils.

    Ich würde mich freuen, wenn die Diskussion mit konstruktiv-kritischen Kommentaren weitergeführt wird und wünsche allen ein erfolgreiches, aber vor allem gesundes Jahr 2014.

  11. ich habe auch einen home bias, zumindest einen europa bias. es fühlt sich einfach falsch an, in einen Aktienmarkt zu investieren, von dem man keine ahnung hat. warum man so leicht dem irrtum verfällt, man hätte eine ahnung vom deutschen oder europäischen Aktienmarkt, weiss ich allerdings auch nicht…

    ciao, christian

  12. Holger sagt:

    Hallo zusammen,

    ich finde die Diskussion auch gut und spannend und freue mich, dass Volker Gerding sich die Mühe gemacht hat, eine provokante These mit Daten zu unterfüttern. Zustimmen kann ich ihm allerdings auch nicht. 😉

    Was wäre zum Beispiel, wenn wir alle Japaner wären und in unseren breit diversifizierten, stark international ausgerichteten Leitindex Nikkei 225 investiert hätten? Vor 25, 20 oder 15 Jahren? Ich glaube, wir wären heute alle unglücklich über unseren Home Bias. Aber wie kann etwas in Japan falsch sein, dass in Deutschland richtig ist? Es kann nicht, würde ich sagen. Und die Betrachtung einzelner, womöglich kurzer vergangener Zeiträume hilft da auch nicht wirklich weiter.

    @Christian: Ich glaube, das nennt man Kontrollillusion. Denn natürlich haben wir weder die heimischen noch fremde Aktienmärkte im Griff. Ein paar objektive Vorteile (was zum Beispiel die Steuer angeht) gibt es bei der Investition in den Heimatmarkt aber sicher. Aber es gibt ja andererseits auch ETFs, die einem beinahe alle Probleme mit fremden Märkten abnehmen.

    Viele Grüße
    Holger

  13. hallo Holger!

    ich kann mich zwar nicht mehr genau erinnern, aber ich glaube, dass mein home bias daher rührt, dass ich ein währungsrisiko ausschließen wollte. ich bin also (damals noch unwissend) das Risiko der Abhängigkeit von einem einzelnem Wirtschaftsraum eingegangen, um einem anderen Risiko nicht ausgesetzt zu sein.

    ob das sinnvoll war, darüber ließe sich vortrefflich diskutieren…

  14. Holger sagt:

    Hallo Christian,

    in der Tat – ich persönlich finde ja, Angst vor dem Währungsrisiko ist für Sissies. 😉

    Tatsächlich wertet die eigene Währungen gegenüber anderen Währungen tendenziell dann auf, wenn es dem eigenen Währungsraum eher gut geht – und man die dadurch entstehenden Verluste am ehesten verkraften kann. Und umgekehrt natürlich. Und dann ist da noch die Tatsache, dass es einem natürlich nichts hilft, wenn eine Aktie in EUR notiert, das entsprechende Unternehmen aber einen Großteil seiner Einkünfte dennoch in fremden Währungen erzielt. Usw.

    Viele Grüße
    Holger

  15. Holger sagt:

    Haha…“Währungsrisiko ist für Sissies“…sehr gut! 😉

    Ich sehe das auch so. Vor allem darf man nicht vergessen: wenn es Währungsrisiken gibt, dann gibt es auch Währungschancen. So können sich Währungsgewinne z.B. „nützlich machen“, indem sie Kursverluste (wenigstens teilweise) kompensieren.

    Langfristig gesehen dürften sich Währungsgewinne und -verluste am ehesten neutralisieren, so dass unterm Strich kein systematischer Nachteil eines Fremdwährungsinvestments zu erwarten sein sollte.

  16. hey!
    Sissies?
    ist das eine anspielung darauf, dass ich aus österreich bin?
    🙂

  17. Holger sagt:

    Hehe, ja, genau daran hätte ich gedacht, wenn ich richtig schlagfertig wäre. 😛

  18. Volker Gerding sagt:

    Dank internationaler Unterstützung und Hinzuziehung historischer Persönlichkeiten ist erfreulicherweise Schwung in die Diskussion gekommen.
    Eine Anmerkung zu den Wechselkursen: Dass sich Wechselkursschwankungen wieder ausgleichen passiert m.E. allenfalls in festen Wechselkurssystemen (wie z.B. beim europäischen Währungssystem vor Einführung des Euro). Ob allerdings beispielsweise der brasilianische Real die im Jahr 2013 erlittenen Kurverluste je wieder ausgleichen kann, ist nicht vorhersehbar. Kann gut gehen, muss aber nicht.
    Zur japanischen Krise. Interessanter als die Frage nach dem möglicherweise angesichts der rasanten Kurssteigerungen zwischen 1970 und Ende 1989 verblendeten japanischen Sparer, ist aus meiner Sicht der deutsche Anleger, vielleicht Mitte 1989 mit einer rein deutschen Aktienstrategie. Er hätte sich sagen können, dass die deutschen Aktien zwar in dem Zeitraum auch eine gute Entwicklung aufwiesen, aber da die Fixierung auf den heimischen Raum (zumindest theoretisch) ein einseitiges Risiko birgt, wäre die internationale Diversifizierung ratsam. Da zu der Zeit die mediale Aufmerksamkeit sicherlich auf den schier unaufhaltsamen Anstieg des Nikkei fokussiert war, lag der Schluss nahe, sich von einem Teil der DAX-Aktien zu trennen und dafür in den Nikkei 225 zu investieren….Da Privatanleger mehr als Börsenprofis der Verlustaversion unterliegen, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass diese halbtoten Papiere immer noch im Depot liegen und darauf warten, dass der Einstiegskurs von vielleicht 35.000 Punkten irgendwann wieder erreicht wird.
    Ich wünsche allen einen schönen Sonntagabend und einen guten Start in die Woche.

  19. ich glaube die währungsgeschichte, war mehr so gemeint, dass der brasilianische real fällt und dafür z.b. der thailändische baht steigt, oder seh ich das zu naiv?
    das schöne am währungsrisiko ist, dass man es in einem ETF-portfolio gar nicht erst merkt. oder weiß jemand von euch welche kursschwankungen in eurem Depot aus welchen Währungen resultiert?

  20. pikappaesse sagt:

    Es wurde ja in den Kommentaren bereits mehrfach angedeutet:
    Deutsche Unternehmen haben doch in vielen Ländern Tochtergesellschaften gegründet und Produktionsstätten errichtet und damit meist hohe Investitionen getätigt.
    Wenn nun der Kurs der dortigen Währung fällt – da fallen einem z.Zt. die Türkei und Argentinien ein -, so verlieren doch diese Anlagen an Wert, und das Währungsrisiko ist mitnichten außen vor.
    Oder sehe ich das falsch?

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