Eine Aktie kaufen, aber wann?

Lohnt es sich, einen REIT (oder irgendein anderes Papier) einen Monat vor der Dividendenausschüttung zu erwerben?

Normalerweise halte ich mich mit Timing-Problemen nicht lange auf, wenn ich neues Geld investiere. Ich schaue einfach, welcher Teil des Portfolios gerade am stärksten unter seiner Zielgewichtung liegt und kaufe dann entsprechend. Egal, was ich von der jeweiligen Anlageklasse persönlich gerade halte. Im Moment allerdings grübele ich dann doch ein wenig: Der Immobilien-Teil des Depots soll gestärkt werden. Ich habe mich für einen einzelnen REIT entschieden, in den ich bisher nicht investiert bin, statt für einen ETF. Und nun frage ich mich: Soll ich den Kauf noch einen Monat hinauszögern? Der Grund für mein Zögern: Der REIT schüttet im Mai eine Dividende aus.

Nun wird in den Medien gerade zur Frühlingszeit häufig die schöne Geschichte von den hohen Dividendenrenditen erzählt, derentwegen es sich lohnen soll, in Aktien zu investieren. Diese Geschichte mag nicht falsch sein, verführt aber zu fehlerhaftem Denken. Schließlich mindern die Ausschüttungen so ziemlich eins zu eins den Kurs der betreffenden Aktie. Und zum anderen lösen sie in der Regel eine sofortige Steuerpflicht aus. Wer also direkt vor einem Ausschüttungstermin kauft, erhält quasi postwendend einen Teil seines eigenen Geldes zurück – darf darauf aber dann Abgeltungsteuer zahlen. Wenig attraktiv, glaube ich. Genau das droht mir gerade: Ich hätte etwas Geld und Lust es anzulegen. Aber ist das vernünftig, wenn ich weiß, dass ich in ziemlich exakt einem Monat drei Prozent davon zurück bekommen werde – und dann Steuern auf die Ausschüttung zahlen darf?

Steuernachteil durch Dividendenausschüttung

Rechnen wir mal mit einfachen Zahlen: Angenommen, ich lege 10.000 Euro an und eine Aktie kostet beim Kauf heute exakt 100 Euro, sodass ich 100 Aktien erwerben kann. In einem Monat schüttet das Unternehmen 3 Euro je Aktie aus. Bis dahin allerdings steigt der Aktienkurs noch ein wenig – und zwar um 0,5 Prozent oder 50 Cent je Aktie. Der REIT bringt nämlich in meinem schön einfachen Szenario eine Rendite von 6 Prozent pro Jahr, die sich wunderbar gleichmäßig auf alle zwölf Monate verteilt. Am Tag der Ausschüttung ist das Anlagekapital also auf 10.050 Euro gewachsen. 9.750 Euro bleiben investiert, 300 Euro werden ausgeschüttet. Auf diesen Betrag muss ich Abgeltungsteuer zahlen – 26,375 Prozent inklusive Solidaritätszuschlag. Das entspricht 79,125 Euro. Von der Ausschüttung bleiben mir netto also 220,88 Euro.

Der Einfachheit halber nehme ich an, dass ich diesen Betrag unverzüglich wieder in den gleichen REIT investiere. Dabei fallen 1 Prozent Transaktionskosten an. Tatsächlich wieder anlegen kann ich also 218,67 Euro. Da eine Aktie nun 97,50 Euro kostet, erwerbe ich 2,24 neue Aktien (Bruchteile sind in meiner schönen Welt kein Problem). Nach der Ausschüttung sind also 9.750 Euro + 218,67 Euro = 9.968,67 Euro investiert – und zwar in 102,24 Aktien.

Würde ich dagegen nicht sofort in den REIT investieren, sondern bis unmittelbar nach dem Dividendentermin warten, könnte ich noch einen Monat lang Tagesgeldzinsen kassieren. Sagen wir mal: 1,2 Prozent pro Jahr, also 0,1 Prozent pro Monat. Aus 10.000 wären bis dahin also 10.010 Euro geworden. Eine Aktie würde immer noch 97,50 Euro kosten, also würde ich 102,67 Aktien erwerben.

Zu diesem Zeitpunkt hätte ich also mit Variante A (sofortiger Kauf und Reinvestition nach Ausschüttung) 41,33 Euro oder 0,43 Aktien weniger als mit Variante B (warten bis nach der Ausschüttung).

Zehn Jahre Zins und Zinseszins – und ein Steuervorteil beim Verkauf

Als guter Buy-and-Hold-Anleger warte ich nun eine Weile und tue nichts. Im Idealfall vielleicht zwei oder drei Jahrzehnte lang. Aber ich will nicht übermütig werden. Daher nehme ich für meine Beispielrechnung an, dass die Anlagedauer bei exakt zehn Jahren liegt. In beiden Varianten wächst das Kapital nun also zehn Jahre lang konstant um 6 Prozent pro Jahr. Der Einfachheit halber nehme ich für den weiteren Verlauf der Beispielrechnung an, dass der REIT plötzlich aufhört eine Dividende zu zahlen (eine Gesetzesänderung macht es möglich…) und sämtliche Gewinne stets im Unternehmen bleiben. Eine Aktie kostet nach zehn Jahren somit 174,61 Euro.

Insgesamt besitze ich am Ende des Anlagezeitraums bei Variante A also

102,24 x 174,61 Euro = 17.852,13 Euro.

Bei Variante B sind es

102,67 x 174,61 Euro = 17.927,21 Euro.

Vor Steuern ist der Gewinn also bei Variante B 75,08 Euro höher als beim sofortigen Kauf. Allerdings muss ich auf die angefallenen Kursgewinne ja noch Abgeltungsteuer zahlen. Und dabei bin ich bei Variante A im Vorteil – immerhin habe ich schon einmal Steuern auf eine Dividendenausschüttung gezahlt. Und diese Ausschüttung mindert nun den zu versteuernden Gewinn. Im Einzelnen:

Bei Variante A habe ich 100 Aktien zum Kurs von 100 Euro und 2,24 Aktien zum Kurs von 97,50 Euro erworben. Der zu versteuernde Gewinn liegt damit bei

100 x (174,61 Euro – 100 Euro) + 2,24 x (174,61 – 97,50 Euro) = 7.633,73 Euro.

Der Steuersatz liegt nach wie vor bei 26,375 Prozent. Das sind in diesem Fall 2.013,40 Euro. Nach sämtlichen Steuerzahlungen bleiben mir somit bei Variante 1

17.852,13 Euro – 2.013,40 Euro = 15.838,73 Euro.

Bei Variante B sieht die Rechnung etwas anders aus. Der zu versteuernde Gewinn beträgt

102,67 x (174,61 Euro – 97,50 Euro) = 7.916,88 Euro.

26,375 Prozent davon sind 2088,08 Euro. Nach der Steuerzahlung bleiben damit

17.927,21 Euro – 2088,08 Euro = 15.839,13 Euro Gewinn.

Kapitalentwicklung beim Kauf vor und nach der Dividendenzahlung

Mit anderen Worten: nicht einmal ein Euro mehr als bei Variante A. Der Vorteil durch den Zinseszinseffekt auf etwas mehr Anlagekapital wird offenbar durch den Steuernachteil beim Verkauf beinahe aufgezehrt. Bei einer längeren Anlagedauer scheint es daher fast völlig gleichgültig zu sein, welche Variante man wählt (siehe Grafik).

Komisch, finde ich.

Oder habe ich mich möglicherweise verrechnet? (Die Wahrscheinlichkeit ist hoch; ich habe diesen Text nämlich einmal geschrieben, dann durch fehlerhaftes Speichern verloren und noch mal geschrieben – und beide Mal völlig unterschiedliche Ergebnisse herausbekommen.)

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8 Responses

  1. Christoph sagt:

    Hallo Holger,
    nette Idee, sowas mal durchzurechnen. Ähnliche Überlegungen habe ich auch schon angestellt, allerdings ohne eine Tabellenkalkulation zu bemühen.
    Ich habe Dein Beispiel jetzt auch nicht nachgerechnet, aber es erscheint mir durchaus plausibel, dass der Unterschied am Ende minimal ist; schließlich hast Du bei Variante B auch einen Monat weniger am Kapitalmarkt partizipiert, bist also auch ein geringeres Risiko eingegangen.
    Einige Ungereimtheiten sind mir aber aufgefallen:
    Erstens würde ich die Summe der Dividenden abzüglich Steuern sofort mit investieren, so dass die zweiten Transaktionskosten (zumindest deren Fixkostenanteil) entfallen. Dieses minimal höhere Risiko ist im Vergleich zu der Tatsache, dass hier jemand in eine Einzelaktie investiert, m. E. zu vernachlässigen.
    Und zweitens hast Du ein Tagesgeldkonto, bei dem keine Abgeltungssteuer anfällt. Das finde ich cool, so eines möchte ich auch haben!
    Drittens sollte man bedenken, dass die Rechnung für Variante A wesentlich schlechter ausfällt, wenn die Sache schief geht und auch nach einem langen Anlagehorizont ein Verlust übrig bleiben sollte. Dann hat man Geld verloren und dafür auch noch Steuern gezahlt. Diesen Aspekt sollte man glaube ich nicht vernachlässigen, oder? Gerade bei hohen Dividenden kann aus dem geplanten Kursgewinn auch schnell mal ein Kursverlust werden, selbst nach zehn Jahren. Oder?
    Viele Grüße Christoph

  2. dpw sagt:

    Hallo,
    ich habe das Beispiel nicht durchgerechnet, kann Dir da also leider nicht helfen.
    In Szenario A hast Du zwar einen Monat nur TG-Zinsen, dafür aber zusätzliche TX-Kosten (die ja sonst nirgends anfallen).
    Die Steuerpflicht der Dividende (A) wird durch den niedrigeren Einstandskurs (B) ausgeglichen (der beim Verkauf ein Rolle spielt).
    Ich würde behaupten (ohne es nachgerechnet zu haben) daß beide Szenarien identisch sind, wenn die TG-Zinsen gleich der erwarteten WP-Rendite sind und Du auf TX-Kosten verzichtest.

  3. Dummerchen sagt:

    Hallo Holger,
    ich fürchte, Du hast die Zahlen einfach ungemein glücklich gewählt, um auf den Unterschied von unter einem Euro zu gelangen;-).
    Vereinfachen können hättest Du die Betrachtung, wenn Du den Monat mit dem Tagesgeldkonto ausgelassen hättest und einmal
    * Fall A: Direkt vor der Dividendenausschüttung (ohne weitere Kurssteigerung bis zur Ausschüttung)
    * Fall B: Unmittelbar danach (ohne TG-Gewinn abzgl. AgSt.)
    gekauft hättest.

    (Wenn ich mich nun nicht verrechnet habe ;-), sollte sich folgendes Bild ergeben.)
    Fall A:
    * Kauf von 100 Stk zu 100 Euro
    * Ausschüttung von 300 Euro -> Wiederanlage: 218,67 Euro und Erwerb von 2,25 Anteilen zu 97 Euro
    * Gesamtwert (nach der Ausschüttung): 9918,67 Euro
    * Wert nach 10 Jahren: 17854,62 Euro (Gewinn: 7635,96 Euro)
    * Nach Steuerabzug: 15840,63 Euro

    Fall B:
    * Kauf von 103,09 Stk zu 97 Euro
    * Gesamtwert (nach der Ausschüttung): 10000 Euro
    * Wert nach 10 Jahren: 18001,03 Euro (Gewinn: 8001,03 Euro)
    * Nach Steuerabzug: 15890,75 Euro

    Nun sieht man – wie zu erwarten war – dass die vorzeitige Versteuerung im Fall A (und der daraus resultierende reduzierte angelegte Betrag) sich negativ auf den Endwert auswirkt (-50 Euro). Der Zinseszinseffekt auf die noch nicht versteuerten Erträge geht einfach verloren.

    Das ist das übliche Ergebnis, wenn man thesauriererende Fonds mit „ausschüttenden und wiederangelegten“ Fonds vergleicht.

    Die höhere Rendite in dem einen Monat (Direktinvestition vs. TG-Konto) macht nun also mehr oder weniger die Differenz wieder wett, die durch die Versteuerung + Transaktionskosten verloren gegangen sind.
    Ergo: Du hast die Zahlen gut gewählt :-).
    LG
    Dummerchen

  4. Holger sagt:

    bq). ich fürchte, Du hast die Zahlen einfach ungemein glücklich gewählt, um auf den Unterschied von unter einem Euro zu gelangen;-).

    Hallo Dummerchen,

    ich schwöre, ich habe es nicht darauf angelegt. 😛 Die Rechnerei entsprang tatsächlich einem typischen Problem von mir: Es ist für mich kein Problem, Aktien und Fonds ewig zu halten, auch durch Krisenphasen, oder mit Verlusten zu verkaufen. Aber ich bin sehr ungeduldig, wenn es darum geht, angespartes Geld zu investieren. Deshalb die Sache mit dem Monatszeitraum dazwischen. Ginge es nur um einen oder zwei Tage, würde ich schon noch warten und nicht lange darüber nachdenken. 😉

    Danke aber für Deine Beispielrechnung. Das ergibt einen Sinn für mich. Jetzt sollte ich auch noch mal meinen inneren Schweinehund überwinden und die Sache für 20 oder 30 Jahre durchrechnen – ich hatte beim Schreiben eher deshalb ein schlechtes Gewissen, weil ich mich aus Faulheit einfach nur auf diesen einen Zeitraum beschränkt habe.

    Ach so: Und ich könnte die spätere Steuerersparnis auch noch abzinsen, um den Wert zu beziffern, den sie aus heutiger Sicht für mich hat, oder? Aber welchen Zinssatz lege ich dafür zugrunde?

    Viele Grüße
    Holger

  5. Holger sagt:

    Hallo dpw,

    danke für Deinen Kommentar. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstehe. Widerspricht er nicht der Rechnung von Dummerchen? Darin gibt es ja keinen Unterschied zwischen Tagesgeldzinsen und Wertpapierrendite – und trotzdem schlägt der Zinseszins-Effekt zu Buche.

    Viele Grüße
    Holger

  6. Holger sagt:

    Hallo Christoph,

    bq). Und zweitens hast Du ein Tagesgeldkonto, bei dem keine Abgeltungssteuer anfällt. Das finde ich cool, so eines möchte ich auch haben!

    Ups – das war natürlich auch keine Absicht. Hätte ich die Steuern da noch korrekt berücksichtigt, wäre der letzte Euro Unterschied vermutlich auch noch weg. 😉

    bq). Drittens sollte man bedenken, dass die Rechnung für Variante A wesentlich schlechter ausfällt, wenn die Sache schief geht und auch nach einem langen Anlagehorizont ein Verlust übrig bleiben sollte. Dann hat man Geld verloren und dafür auch noch Steuern gezahlt. Diesen Aspekt sollte man glaube ich nicht vernachlässigen, oder? Gerade bei hohen Dividenden kann aus dem geplanten Kursgewinn auch schnell mal ein Kursverlust werden, selbst nach zehn Jahren. Oder?

    Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher. Grundsätzlich hast Du sicher Recht: Bei einer einzelnen Aktie und 3 Prozent Dividendenrendite p. a. ist ein Kursverlust sicher nicht so arg unwahrscheinlich. Und in der Einzelbetrachtung wäre dann der ganze schöne Steuervorteil am Ende wieder weg.

    Okay, hast Recht – das sollte man im Idealfall tatsächlich mit in so eine Beispielrechnung einbeziehen (bzw. als alternatives Szenario durchrechnen). In der Praxis ist es sicher auch nicht irrelevant – auch wenn hier dann zumindest ein höherer Verlustvortrag anfiele als bei Variante B. Und der ließe sich sicher wieder irgendwie verrechnen, wenn man nicht nur in eine einzige Aktie investiert.

    Viele Grüße
    Holger

  7. dpw sagt:

    Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, weil ich beide Rechnungen nicht nachgerechnet habe.
    .
    Ich meine nur: Du nimmst zu einem Wertpapier eine bestimmte Wertentwicklung an – Von dieser Wertsteigerung wird sich der Fiskus einen bestimmten Anteil holen. Bei Dividenden quasi einen Teil vorab.
    .
    Dein Szenario A: Kauf, Dividende (nach 1M), x Jahre dividenden-frei
    B: 1M TG, Kauf, x Jahre dividenden-frei
    Bei A zahlst Du einen Steueranteil quasi vorab, bei B erst nach x Jahren.
    Deshalb müßte A (entgegen meiner ersten Antwort) theoretisch schlechter sein.
    Allerdings halte ich die Annahme, daß sich der Fiskus nicht irgendwie doch ‚vorher‘ die Steuer holen will (via Dividende) für nicht realistisch.
    .
    Und wenn Du eh jährlich einen Steuer-Obulus entrichtest und das WP länger hältst dürfte es nicht viel ausmachen, in welchen Teil des Jahreszyklus Du einsteigst.

  8. dow john sagt:

    Der geringe Unterschied kommt auch daher, dass du nur einmal ausschüttest. Wenn vier mal pronJahr ausgeschüttet wird, ist der Unterschied größer. Allerdings bezahlt der Fonds doch auch wenn er thesaurierend ist auf die Erträge steuern. Man spart also nur die Transaktionsgebühren, wenn die Steuer im Fondsdomizil nicht geringer ist. Als ich das mal ausgerechnet habe lohnt sich ausschüttend nur, wenn man den Steuerfreibetrag ausnutzen möchte.

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