Hörbuch-Besprechung: Krisen im Zehn-Minuten-Takt
Ich liebe Finanzkrisen. Nicht, weil ich mich in der gegenwärtigen Krise so furchtbar wohl fühlen würde. Nein: Es macht einfach Spaß, sich mit vergangenen Krisen zu beschäftigen und den Wahnsinn aus der Ferne zu bewundern, der zu den Krisen geführt hat. Klar also, dass mich das neue FAZ-Hörbuch "Geschichte der Finanzkrisen. Vom Tulpenwahn zum globalen Crash" brennend interessierte.

Das Hörbuch beginnt klassisch mit der Mutter aller Krisen: dem Tulpenwahn im Holland des 17. Jahrhunderts und der enorm teuren Mahlzeit, die ein Seemann damals bei einem reichen Kaufmann genoss. Er hatte eine wertvolle Tulpenzwiebel für eine Beilage gelagen. Nach dem lustigen aber wenig originellen Einstieg wird die Geschichte der Tulpenspekulation in knapp elf Minuten nacherzählt.
Finanzkrisen aus fünf Jahrhunderten
Diese Episode bildet den Auftakt zu einer leicht kurzatmigen Tour durch Länder, Jahrhunderte und Krisen. John Laws Finanzsystem im Frankreich des frühen 18. Jahrhunderts, das Erd- und Bankenbeben in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Japan, die Gründerzeit in Deutschland und Österreich und ihr abruptes Ende, die große Depression, der LCTM-Crash 1998 und die Internetblase zur Jahrtausendwende - das Hörbuch führt im Zehnminutentakt durch eine wirkliche vielfältige Krisenlandschaft. Und dankenswerterweise geht es dabei nicht ausschließlich um die tausendfach durchgenudelten Großkrisen des 20. Jahrhunderts.
Wer hat die Finanzkrisen für das Audiobuch geordnet?
Dass dabei vieles nur angerissen wird und gelegentlich auch die eine oder andere Person vorgestellt wird, deren Wichtigkeit für die Geschichte nicht völlig klar wird - geschenkt. Neun Krisen in gut zwei Stunden vorzustellen, erfordert eben den einen oder anderen Kompromiss. Dass die Krisen aber nicht chronologisch geordnet wurden, ist ein größeres Versäumnis. Schließlich ist auch kein inhaltlicher Zusammenhang erkennbar, der die auf der Doppel-CD realisierte Anordnung nötig gemacht hätte. Das Dossier beginnt im 17. Jahrhundert, macht im frühen 18. Jahrhundert weiter, springt dann aber direkt ins 20. Jahrhundert - nur um anschließend zurück ins 19. Jahrhundert und dann sogar wieder ins 18. Jahrhundert zu hüpfen.
Moralisierende Erklärungen am Ende
Das lässt sich verschmerzen. Als nerviger empfand ich die letzten drei Kapitel, in denen es um die Analyse der Ursachen für die aktuelle Krise und die systemischen Schwächen des Kapitalismus geht. Erstens, weil es einen ziemlichen Bruch zwischen den durchaus unterhaltsamen Geschichten und der durchaus trockenen Analyse gibt. Und zweitens, weil die Analyse von merkwürdigen Ideen wimmelt: Leerverkäufe scheinen als moralisch schlecht betrachtet und irgendwie für die Krise mit verantwortlich gemacht zu werden. Und es wird ernsthaft gefordert, dass die Käufer von Investmentfonds mit einer Unterschrift Verantwortung dafür übernehmen sollten, in welche Geschäfte ein Fonds investiert. Was?
Fazit: "Geschichte der Finanzkrisen" kann ein lohnender Kauf sein
Um nicht falsch verstanden zu werden: Das Hörbuch ist durchaus gut und kurzweilig. Die Sprecher Olaf Pessler, Markus Kästle und Uta Kienemann-Zaradic machen ihre Sache gut, und der Preis von 19,90 Euro ist fair. Wer also einen Überblick über bekannte Finanzkrisen gewinnen und vielleicht ein paar neue kennenlernen will, der sollte zugreifen. Und wer feuilletonistische Reflexionen über Wirtschaft und Verantwortung nicht nur mag, sondern sie auch als angenehme Hörbuch-Kost empfindet, der sollte erst recht zugreifen. Für mich haben die letzten Kapitel den Hörgenuss aber eher geschmälert.
Das Hörbuch ist für 19,90 Euro im Internet-Shop der FAZ und im Buchhandel erhältlich.








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