Scoach und Euwax: Wettlauf um das Sentiment

Kapitalismus kann lustig sein. Diese Woche zum Beispiel war er es. Da flatterten mir kurz nacheinander zwei Pressemitteilungen ins Haus. Die ein kam von Scoach, der Zertifikate-Plattform der Deutschen Börse. Die andere kam von der Börse Stuttgart bzw. deren Derivate-Ableger Euwax. Und beide hatten praktisch den gleichen Inhalt: den Start eines Sentiment-Indikators, der die Stimmung von Privatanlegern am Zertifikate-Markt messen soll.

Besonders lustig ist, dass beide Börsen sich als "führend" im gleichen Segment des Marktes bezeichnen: dem Handel mit Zertifikaten und Optionsscheinen nämlich. Steht so auch in den Pressemitteilungen: "die Börse Stuttgart, Europas führender Handelsplatz für Anlage- und Hebelprodukte" und "Scoach als führende Börse für Zertifikate und Optionsscheine in Europa". Wer jetzt wirklich größer ist? Keine Ahnung.

Ich weiß aber, wer am Montag schneller war mit der Einführung eines "Barometers für die tagesaktuelle Stimmung am Zertifikatemarkt" (Scoach) bzw. des "Privatanleger-Index Euwax Sentiment" (Stuttgart). Es waren die Frankfurter. Deren Pressemitteilung trudelte schon um 10.37 Uhr bei mir ein, die der Stuttgarter erreichte mich erst um 15.36 Uhr, also exakt 4 Stunden und 59 Minuten später. Punkt für Scoach.

Dafür betonten die Stuttgarter in ihrer Mitteilung allerdings, dass ihr Indexkonzept auf einer "mehrjährigen wissenschaftlichen Kooperation" mit der Uni Karlsruhe beruhe. Und außerdem: „Mit mehr als zwei Dritteln Marktanteil im börslichen Handel mit Hebelprodukten sind die Daten des Marktführers Börse Stuttgart besonders geeignet, die Stimmung der Privatanleger zu repräsentieren“, so Christoph Lammersdorf, Vorsitzender der Geschäftsführung der Börse Stuttgart Holding.

Die Mitteilung von Scoach klingt im Vergleich dazu wirklich ein wenig dünn: "Scoach hat die European Derivatives Group (EDG) mit der Berechnung dieses Marktbarometers beauftragt." Klingt nicht nach langer Vorbereitung und großer Tradition, oder? Punkt für Stuttgart, möchte ich sagen.

Wer da jetzt von wem abgekupfert hat, ist aber natürlich eigentlich egal. Privatanleger haben jetzt jedenfalls gleich zwei neue Indizes, an denen Sie die Stimmung auf dem Zertifikatemarkt messen können. Der Scoach-Barometer heißt offiziell "Scoach-Put/Call-Sentiment" und misst das Verhältnis von Anlegern, die auf steigende Kurse (Calls) setzen, zu Anlegern, die auf fallende Kurse (Puts) wetten. Und das Euwax-Sentiment misst - eigentlich genau das Gleiche, nur eben an der Börse Stuttgart.

Aber wer hat's erfunden? Und welcher Index ist nun besser? Mir ist es eigentlich egal - ich habe schließlich noch nie ein Zertifikat oder einen Optionsschein gekauft. Und von dem Wettlauf hab ich mich auch nicht anstecken lassen. Deshalb kommt der Artikel auch erst heute, wo beide Pressemitteilungen gut abgehangen sind...

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