Keine Angst vor der "Schwarzen Liste für Anleger"
"Schwarze Liste für Anleger" hat Euro am Sonntag einen Artikel über die so genannten Todeslisten der Ratingagenturen überschrieben. Diese Listen werden von S & P und Moody's veröffentlicht und enthalten Namen von Unternehmen, bei denen das Insolvenzrisiko besonders hoch scheint. Schlecht für die Unternehmen und die Menschen, die dort arbeiten. Aber auch schlecht für die Anleger? Nein: ein klassischer Denkfehler.
"Good companies are generally bad stocks, and bad companies are generally good stocks", schreibt der Finanzwissenschaftler William Bernstein in seinem Buch "The Intelligent Asset Allocator". Und er meint damit: Gute Unternehmen sind im Vergleich zu den kränkelnden, schwächelnden, langweiligen oft überbewertet - weil jeder sie haben will. Das ist der so genannte Value-Effekt, den auch Vertreter der Theorie der effizienten Aktienmärkte wie Bernstein oder der deutsche Autor Gerd Kommer eingestehen: Aktien mit besonders niedrigen Bewertungen lieferten in der Vergangenheit eine Outperformance gegenüber dem Gesamtmarkt.
Und welche Aktien sind besonders niedrig bewertet? Eben: solche auf der Todesliste. Aktien wie die von Escada oder Eastman Kodak. Von den Unternehmen erwartet niemand mehr etwas - also werden positive Überraschungen umso begeisterter mit Kursgewinnen gefeiert. Umgekehrt besteht bei extrem beliebten Aktien eine viel größere Chance, dass die hohen Erwartungen enttäuscht werden. Das ist zumindest die Erklärung, die Bernstein liefert. Wirklich logisch ist sie nicht - eher psychologisch.
Worauf ich hinaus will: In keinem Fall impliziert die Tatsache, dass ein Unternehmen auf dieser Liste steht, eine schlechtere künftige Kursentwicklung. Die Liste sagt lediglich, dass in der Vergangenheit einiges schiefgelaufen und das Unternehmen nun in einer schwierigen Situation ist. Aber daher gibt es ja auch hohe Kursabschläge sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen - der Euro-am-Sonntag-Artikel weist darauf ja sogar ausdrücklich hin. Er zieht nur die falschen Schlüsse.
Natürlich wäre es auch gewagt, zu behaupten, dass Aktien von Unternehmen in schwerem Fahrwasser sich künftig besser entwickeln als der Markt. Klar: Es gibt Hinweise darauf aus der Geschichte des Aktienmarktes. Aber auch die können trügerisch sein. Ich persönlich würde auch allein aus psychologischen Gründen keinem (kleinen) Privatanleger raten, in Aktien einzelner Unternehmen zu investieren, denen es wirklich schlecht geht.
Darum geht es aber auch nicht. Wichtig ist vielmehr, den Denkfehler zu vermeiden, der in unzähligen Zeitungs- und Online-Artikeln gemacht und Anlegern damit eingetrichtert wird (aus welchen Gründen auch immer): Eine schlechte Entwicklung in der Vergangenheit bedeutet nicht, dass sich eine Aktie auch künftig schlecht entwickelt - und umgekehrt. Empirische Daten legen eher das Gegenteil nahe.
Aber Privatanleger werden wahrscheinlich dennoch weiter fröhlich der "bewährten" Strategie "buy high, sell low" folgen.
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