Die Kontroverse um das ETF-Musterdepot
Vor einigen Tagen im Wertpapier-Forum: Ein Nutzer fragt nach der Einschätzung der anderen Nutzer zu einem ETF-Musterdepot auf ETFSuche.de. Und die anderen Nutzer sagen ihre Meinung - zum Teil ziemlich deutlich. Einer hat das Depot sogar als "auf den ersten Blick ziemlich schwachsinnig" bezeichnet.
Die Blogger von ETFSuche.de haben darauf in ihrem Blog geantwortet. Das ist schon mal cool (obwohl, ehrlich gesagt: Ich würde mich freuen, wenn mal jemand in einem beliebten Forum mein eigenes ETF-Musterdepot als schwachsinnig bezeichnen würde). Aber genug der Vorrede: Ich möchte schließlich auch meinen Senf zur Diskussion selbst beitragen.
Die Schwächen des Musterdepots aus meiner Sicht
Zunächst einmal gilt: Ich verfolge (zumindest theoretisch...) einen relativ strikten passiven Index-Ansatz. Ich vermeide so gut es geht, auf einzelne Branchen oder einzelne Regionen oder gar einzelne Unternehmen zu spekulieren. Stattdessen versuche ich den weltweiten Aktienmarkt mit dem Aktienanteil meines Depots möglichst ausgewogen und vollständig abzudecken. Das dient dem Ziel, unsystematische Risiken bei der Anlage möglichst auszuschalten und das Risiko-Rendite-Profil des Depots zu optimieren.
Wie schaut das oben verlinkte ETFSuche.de-Musterdepot nun aus dieser Perspektive aus? Zunächst einmal enthält es zwei weltweit diversifizierte Aktien-ETFs als Basisinvestment, was ja schon mal nicht schlecht ist. Einer davon (35 Prozent des Depots) bildet die Standard-Benchmark MSCI World ab und damit einen wirklich großen Teil der Marktkapitalisierung der entwickelten Welt. Der zweite ETF allerdings trackt den Dow-Jones-Global-Titans-50-Index und ist damit praktisch das Gegenteil von "breit streuend": Er konzentriert sich auf 50 Riesen-Unternehmen aus der ganzen Welt, ist also letztlich eine Wette darauf, dass sich diese Riesen-Unternehmen besser entwickeln als der Gesamtmarkt. Damit bringt er unnötiges unsystematisches Risiko ins Depot. Warum braucht man in einem Depot überhaupt zwei weltweite Indizes? Warum nicht nur den MSCI World?
Ein ähnliches Problem habe ich mit dem enthaltenen Global-Infrastructure-ETF: Er stellt eine Branchenwette dar. Die enthaltenen Unternehmen sollten sich relativ gleich laufend bewegen, da ähnliche Einflüsse auch ähnlich auf sie wirken. Die Begründung für die Hinzunahme ist eine kurzfristige Spekulation auf Konjunkturprogramme. Wer das mag, kann so einen ETF natürlich in sein Depot aufnehmen. Wer wie ich allerdings davon überzeugt ist, dass Market Timing nicht funktioniert, der kann damit nicht einverstanden sein.
Zuguterletzt nur noch ein weiterer Punkt: Das "konservative" Musterdepot für einen 20-Jährigen enthält einen Aktien-Anteil von 80 Prozent und dazu einen 5-prozentigen Anteil eines ebenfalls ziemlich riskanten ETFs, der Rohstoff-Futures abbildet. Ein so hoher Risikoanteil ist meiner Ansicht nach niemals mit einer konservativen Anlagestrategie zu vereinbaren, auch wenn ETFSuche.de sich dabei auf das junge Alter des Anlegers beruft, für den das Depot gedacht ist.
Denn: Auch die Tatsache, dass sehr viele Blue-Chip-Unternehmen enthalten sind, schützt eben nicht vor Kursschwankungen. Deshalb erfolgt die Steuerung des Risikos in der professionellen Asset Allocation ja auch nicht über die Auswahl "sicherer" Aktien, sondern einer Erhöhung des risikolosen Staatsanleihen-Anteils am Depot. Ein (nicht jeder!) 20-Jähriger mag sich also durchaus einen 80-prozentigen Risiko-Anteil am Depot leisten können - aber das als konservativ zu bezeichnen, ist dann trotzdem sehr irreführend.
Insgesamt kann ich die Kritik am Musterdepot also nachvollziehen, auch wenn "Schwachsinn" natürlich überzogen ist: Es gibt an vielen Stellen deutlich (und ich meine deutlich) schlechtere Anlage-Empfehlungen. Nur die mangelnde Systematik des Depotaufbaus überzeugt eben nicht so recht.
zwölf Kommentare
Stimmt, das ist nirgendwo diskutiert worden (auch von mir an dieser Stelle nicht). Aber Rebalancing ist sicher auch ein wichtiger Punkt – wobei sich das aber ohnehin nicht wirklich damit verträgt, einen Infrastruktur-ETF ins Depot zu nehmen, weil der sich zukünftig mutmaßlich besser entwickeln wird. Oder?
Ich gebe Ihnen absolut recht. In ein vernünftig strukturiertes Depot sollten keine “Mode-ETFs” vorkommen. Leider ein typsicher Fehler von Privatanlegern: immer dem nachzulaufen, was gerade in aller Munde ist. Das ist einer der sichersten Methoden, viel Geld zu verliefen – egal wie gut man das Re-Balancing beherzigt (siehe Neue-Markt- oder Internet-Fonds von vor 10 Jahren).
Hallo!
Dazu möchte ich kurz Stellung nehmen! Der Ansatz unserer ETF-Muserdepots ist gerade, nach Möglichkeit frühzeitig neue Trends zu erkennen und diese dann via ETF breit streuend abzudecken. Natürlich kann man eine andere Strategie fahren, aber wir halten diese für die vielversprechenste, denn nur wer frühzeitig neue “Megatrends” aufspürt und entsprechend investiert, kann langfristig überdurchschnittlich viel Geld verdienen. Und den “Infrastruktur-ETF” halten wir im gegenwärtigen Umfeld für relativ konservativ, da weltweit Billionen von US$, Euro, Yen usw. in Konjunkturpakete investiert werden, die zum großen Teil eine Verbesserung der Infrastruktur zum Ziel haben. Und was kann sicherer sein, als auf eine “Branche” zu setzen, die in den nächsten 1-2 Jahren massiv von Staatsgeldern unterstützt wird? Ein gutes Beispiel für das, was passieren kann/wird, wenn der Staat sein Geld zielgerichtet “investiert”, ist doch z.B. die Solarbranche. Der Siegeszug von Solarworld und Co. war doch nur durch massive staatliche Subventionen möglich und in den nächsten 1-2 Jahren subventionieren fast alle Staaten dieser Erde den Infrastruktursektor. Insofern stimme ich zu, dass ein solcher ETF eigentlich zu spekulativ ist, da er nur auf ein spezielles Thema setzt. In der aktuellen Zeit jedoch halten wir diesen ETF jedoch vorübergehend (wohlgemerkt vorübergehend!) für durchaus konservativ…
Last but not least sei noch erwähnt, dass wir sehr wohl genau erklärt haben, warum wir welche ETF in die Musterdepots aufgenommen haben; es muss halt nur auch gelesen werden!
Mit freundlichen Grüßen
Sascha für ETFSuche.de
PS: Generell freut uns jedoch jegliche sachliche Kritik/Diskussion über unseren Blog bzw. speziell unsere ETF Musterdepots und geben jederzeit gerne Auskunft dazu! ;)
Hallo Sascha,
danke für Deinen Beitrag. Wir werden uns wohl einfach darauf einigen müssen, verschiedener Meinung zu sein. Um mal nur bei dem Infrastruktur-ETF zu bleiben: Wenn der Aktienmarkt so ineffizient ist, dass er die staatlichen Konjunkturprogramme und ihre Auswirkungen auf die verschiedenen Branchen auch Monate nach der Verabschiedung der Programme noch nicht eingepreist hat, dann fresse ich einen Besen. Wieso sollte gerade jetzt “frühzeitig” sein?
Ich schätze die Offenheit und Ehrlichkeit des ETFSuche-Bloggers. Gut finde ich natürlich, dass hier überhaupt ein Schwerpuntk auf ETFs gesetzt wird. Und es ist auch in Ordnung verschiedener Meinung zu sein. Ich selbst folge der Auffassung des Autors des Privatanleger-Blogs. Insbesondere kann ich nicht an “Megatrends” glauben. Ihr letzter Beitrag hat mich veranlasst, zum Thema “Megatrends” einen Beitrag auf meinem Blog zu schreiben. Das würde den Rahmen des Kommentars hier sprengen.
Hallo Handundstein,
dazu zwei Antworten: Erstens halte ich die Märkte tatsächlich für weit weniger effizient, als dies gemeinhin immer angenommen wird. Denn sonst wäre die Aktie einer insolventen Firma wie General Motors oder Lehman Brothers bei 0,00 und nicht höher. Und der Kurs einer insolventen Escada nicht gestern noch bei rund 1,00 Euro. Zum anderen würden aber selbst vollkommen effiziente Märkte unsere Ansicht nicht “sprengen”, denn wir haben den Infrastruktur-ETF ja nicht gestern oder heute erst in das Musterdepot aufgenommen, sondern bereits im März. Insofern passt diese Kritik unseres Erachtens hier nicht so ganz…
Mit freundlichen Grüßen
Sascha für ETFSuche.de
Hallo peterreins,
für uns stellt sich nicht die Frage, an “Megatrends” zu glauben oder nicht, da wir den Nachweis solcher Trends eigentlich als erbracht ansehen. So haben wir in den 90er Jahren den Megatrend “Internet” gesehen, seit dem Jahr 2000 sehen wir bereits “Megatrends” wie “Biotech” (weil die Lebenserwartung der Menschen immer größer wird) oder auch “Rohstoffe” (wenngleich wir diesen nach dem Crash des Ölpreises und dem wohl bald kommenden Crash des Goldpreises langsam als beendet ansehen.
Kommende Megatrends sind für uns “E-Mobil” (Batteriehersteller, aber auch “Seltene Erden”), “Nanotechnologie” oder auch “Smart Grid”. Und auch der Bereich “Infrastruktur” ist unseres Erachtens ein solcher Megatrend, da aufstrebende Länder wie z.B. die BRICs ihre Infrastruktur verbessern müssen. Insofern erwarten wir kurzfristig im Bereich “Infrastruktur” Hilfe durch die Konjunkturpakete, sehen diesen Sektor aber auch mittel- bis langfristig durchaus nicht negativ. Wenngleich wir nach Kursvervielfachungen durch die Konjunkturpakete kurzfristig auch mal Gewinnmitnahmen vornehmen würden…
Mit freundlichen Grüßen
Sascha für ETFSuche.de
Hallo Handundstein,
wie gesagt glauben wir, dass die staatlichen Konjunkturprogramme in der Krise den Sektor stark gestützt haben bzw. auch noch weiter stützen werden, mittel- bis langfristig aber setzen wir wie auch von Ihnen richtig erkannt auf den “Megatrend” wegen der Phantasie in den “Emerging Markets”, das ist korrekt. Ob wir damit richtig liegen werden, wird die Zeit weiter zeigen, wir glauben aber daran, denn wir von ETFSuche.de sind in unseren “Empfehlungen” absolut unabhängig.
Einer sachlichen Diskussion über unsere Empfehlungen oder auch unsere Musterdepots schadet sicherlich nichts, ganz im Gegenteil, weshalb wir uns ja auch hier daran beteiligt haben bzw. weiter beteiligen werden. Wenngleich wir also am Ende unterschiedlicher Auffassung bleiben werden, freuen wir uns über jegliche sachliche Diskussion!
Mit freundlichen Grüßen
Sascha für ETFSuche.de








Ich habe die Diskussion im WertpapierForum nur überflogen, ich kenne auch nicht die Details der Anlagestrategie, die das ETFSuche-Blug propagiert. Dennoch habe ich den (möglicherweise falschen) Eindruck gewonnen, dass beide (WertpapierForum & ETFSuche) den aller wichtigsten Punkt außer acht lassen: nämlich das Re-Balancing.
Meiner Meinung nach macht ein ETF-Portfolio nur Sinn, wenn man sich systematisch Soll-Quoten setzt, um die Ist-Quoten den Sollquoten hin und wieder anpasst. Steht so auch bei David Swensen. Wer das nicht tut, macht immer wieder eine aktive Entscheidung zu einer Unter- oder Übergewichtung bestimmter Anlageklassen, einfach dadurch dass er nichts tut.
Klingt vielleicht etwas paradox. Aber in diesem Zusammenhang bedeutet Nichts-Tun aktives Management, und die Ist-Quoten aktiv den Soll-Quoten anpassen bedeutet passives Management.
Man kann bis in alle Ewigkeit über die “richtige” Depot-Struktur diskutieren, aber das wirklich Entscheidende für den langfristigen Anlageerfolg ist exakt dieses Re-Balancing. Denn wenn man das nicht systematisch (emotionsfrei) macht, dann wird man sein Anlagekonzept bei nächster Gelgenheit (z.B. Crash) über Bord schmeißen.