Gibt es den Cost Average Effect wirklich?

Wissenschaftliche Studien zeigen: Der Durchschnittskosteneffekt hat keine große Wirkung.

Der Cost Average Effect (oder Durchschnittskosteneffekt) hat viele Freunde: Banken lieben ihn, weil sie ihn als Argument für den Verkauf von Fondssparplänen nutzen können. Und Anlegern dient er als psychologische Krücke, um mit fallenden Aktienkursen klarzukommen: Niedrige Kurse werden so zu günstigen Nachkaufgelegenheiten umgedeutet. Aber gibt es den Cost Average Effect überhaupt? Beziehungsweise: Kann er helfen, das Anlageergebnis zu verbessern? Wissenschaftliche Untersuchungen wecken schwere Zweifel daran.

Was ist der Cost Average Effect überhaupt?

Der Cost Average Effect kommt immer dann zum Tragen, wenn Anleger in regelmäßigen Abständen gleich bleibende Summen investieren. Also zum Beispiel jeden Monat 100 Euro - wie bei einem Fondssparplan. Wer jeden Monat 100 Euro in einen Euro-Stoxx-50-ETF steckt, der kann bei einem Indexstand von 2.500 Punkten mehr Anteile kaufen als bei einem Stand von 3.000 Euro. Im ersten Fall kauft der Anleger vielleicht vier Anteile zu je 25 Euro, im zweiten Fall dagegen nur 3,33 Anteile zu je 30 Euro.

Steht der Euro Stoxx 50 nun am 15. Februar bei 2.500 Punkten und am 15. März bei 3.000 Punkten, dann kauft unser Anleger einmal vier Anteile und einmal 3,33 Anteile. Und nun kommt die Schönheit des Durchschnittskosteneffekts ins Spiel: Der Mittelwert der beiden Indexstände vom Februar und vom März ist 2750. Unser Anleger hat im Mittel aber nicht 27,50 Euro für einen ETF-Anteil bezahlt. Sein mittlerer Einstandspreis liegt vielmehr nur bei (25 Euro x 4 + 30 Euro x 3,33) / 7,33 = 27,29 Euro.

Man sieht: Der mittlere Einstandspreis liegt unter dem mittleren Indexstand (bzw. einem Hundertstel davon). Und wenn ich für das Beispiel etwas spektakulärere Zahlen genommen hätte, dann würde der Unterschied auch noch deutlicher ausfallen.

Der durchschnittliche Fondssparer schlägt also der Mathematik ein Schnippchen. Oder?

Die Folgen des Cost Average Effect in der Praxis

Das hat zu teilweise merkwürdigen Empfehlungen geführt. So wurde in Fachzeitschriften argumentiert, Berater sollten ihren Kunden ruhig riskantere Fonds für die Altersvorsorge empfehlen - schließlich wirke der Cost Average Effect umso stärker, je volatiler sich die Kurse verhielten.

Eine andere beliebte Schlussfolgerung ist, dass Sparpläne das Risiko vermindern, mit einer Anlage so richtig baden zu gehen - schließlich wird der Einstieg in den Markt über viele Zeitpunkte verteilt.

Wissenschaftliche Aussagen zum Cost Average Effect

Doof für diese praktischen Ratschläge: Die Wissenschaft kommt relativ einhellig zu dem Schluss, dass Cost-Averaging-Strategien nicht der Weisheit letzter Schluss sind. So gestehen Albrecht, Dus, Maurer und Ruckpaul in einem Aufsatz aus dem Jahr 2002 zwar ein, dass der Cost Average Effect wirkt, wie oben beschrieben.

Das heißt aber noch nicht, dass ein Sparplan deshalb einer Einmalanlage überlegen sein muss:

Allerdings können hieraus keinerlei Schlüsse über einen günstigeren Einstandspreis im Vergleich zum Einmalinvestment gezogen werden, denn für dieses ist nicht der Durchschnittspreis über eine bestimmte Zeitperiode relevant, sondern allein der Kurs s0 im Zeitpunkt der anfänglichen Investition. Nur im Durchschnitt über verschiedene denkbare Zeitpunkte des Einmalinvestments kann ein günstigerer Preis realisiert werden, im Einzelfall kann damit der Einstandspreis eines Einmalinvestments sowohl günstiger als auch ungünstiger sein.

Also: Dieser Effekt von Sparplänen hat erst mal keinen Einfluss auf die Rendite, die man mit einem Investment erzielt. Umgekehrt heißt das aber auch, dass eine Einmalanlage nicht per se überlegen ist. Wer am Ende besser dasteht, hängt sowohl vom jeweils betrachteten Zeitabschnitt ab als auch vom konkreten Kursverlauf während dieser Zeit.

Was ist besser - Einmalanlage oder Sparplan?

Albrecht u. a. haben sich damit aber nicht zufrieden gegeben und die Eigenschaften von Sparplan und Einmalanlage intensiver analysiert. Dabei trafen sie zwei Grundannahmen:

  1. Wer eine Einmalanlage tätigt, legt sein gesamtes Kapital auf einmal an (irgendwie logisch...). Bei einem Sparplan wird jeweils nur ein Teil investiert - der noch nicht investierte Teil des Kapitals wird zu einem Zins von 0 Prozent absolut sicher angelegt. Das klingt für mich, als ginge diese Annahme zu Lasten des Sparplans, denn selbst in der derzeitigen Niedrigzinsphase dürften mehr als 0 Prozent drin sein...
  2. Zukünftige Kurse folgen einem Random Walk. Künftige Wertveränderungen sind also voneinander unabhängig und statistisch identisch verteilt.

Unter diesen Annahmen ergaben sich folgende Befunde:

  1. Mit der Einmalanlage wurde systematisch eine bessere Wertentwicklung erzielt als mit einem Sparplan. Je länger der Anlagezeitraum, desto größer der Unterschied.
  2. Beim Sparplan war die Standardabweichung des Endvermögens systematisch geringer als bei der Einmalanlage. Auf Deutsch: Die Schwankungen der Wertentwicklung waren kleiner, der Sparplan war also weniger riskant.
  3. Bei der Einmalanlage besteht ein geringeres Risiko am Ende des Anlagezeitraums mit weniger als dem Vermögen zu Beginn des Zeitraums dazustehen. Das heißt: Das Ziel, zumindest das eingesetzte Kapital zu erhalten wird mit einer Einmalanlage häufiger erreicht.
  4. Der "Mean Excess Loss" ist beim Sparplan geringer als beim Einmalinvestment. Das heißt: Wenn das Minimalziel des Kapitalerhalts verfehlt wird, dann besteht beim Einmalinvestment eine größere Chance, so richtig in die Kacke zu greifen. Der Sparplan hat hier eine risikodämpfende Wirkung. Diese Wirkung nimmt mit der Länge des Anlagezeitraums zu.

Fazit: Der Cost Average Effect ist kein Wundermittel

Das Fazit der Forscher fällt letztlich wenig überraschend aus, finde ich:

Die Vorteilhaftigkeit der beiden alternativen Investmentstrategien ist somit differenziert zu sehen.

Das ist ziemlich nichtssagend. Die Tatsache, dass der Sparplan weniger Rendite bringt, dafür aber auch das Risiko senkt, scheint mir aber intuitiv einleuchtend zu sein. Schließlich wird nicht nur der Einstieg in den Markt über die Zeit verteilt - zusätzlich steckt auch zu jedem Zeitpunkt ein mehr oder weniger großer Teil des Kapitals in einer risikolosen Anlageform. Schade, dass Albrecht u. a. für diese risikolose Anlageform einen Zinssatz von null Prozent angenommen haben. Wie sähen die Ergebnisse der Studie wohl bei einem realistischen Zinssatz aus?

Kurz: Niemand sollte Wunderdinge vom Cost Average Effect bei Sparplänen erwarten. Das heißt aber natürlich nicht, dass ein Fondssparplan nicht sinnvoll sein kann. Schließlich sind Sparpläne schon aus praktischen Erwägungen ziemlich nahe liegend: Ich verdiene mein Geld monatlich, warum sollte ich es nicht auch im Monatsrhythmus anlegen?

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sechs Kommentare

Gerhard

Meiner Meinung nach ist der Cost-Average-Effekt eine Werbemaßnahme der Fondsindustrie, die so ziemlich jeglicher Substanz entbehrt. Das haben von einiger Zeit auch Nils Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg und ich glaube irgendein Wissenschaftler in einer Studie festgestellt. (ich finde den Artikel gerade nicht mehr, sonst würde ich zitieren).

Das entscheidende bei Fondsanlagen ist der Indexstand bzw. der Wert der Fonds, wenn man sie verkaufen will. Sind die Aktien dann gerade im Keller, nützt der schönste Durchschnittskosteneffekt nichts. Deshalb wird älteren Leuten, die auf die Rente zugehen und dann die Fonds verkaufen wollen, empfohlen, dies schrittweise nach und nach zu tun – um zumindest einen Durchschnittskurs zu erwischen.

Gerhard, - 16-02-’10 18:25
Holger

Ja, das kann man wohl so stehen lassen. Und vor der Rente sollte man eben schrittweise sein Risiko reduzieren, weil man sich in der Regel zusehends weniger Abhängigkeit von der Marktentwicklung leisten kann.

Im Grunde sind halt beide hier im Artikel erwähnten Szenarien eher unrealistisch (oder: blöd). 100 Prozent seines Kapitals in den Aktienmarkt zu stecken, ist Quatsch. Aber genauso sehr ist es Quatsch, sein Kapital nur in ganz kleinen Schritten anzulegen und den Rest einfach in Bargeld zu halten.

Den Aufsatz von Nauhauser und Langer kenne ich auch, wollte sie hier aber nicht auch noch einbauen. War so schon zu lang. Sie ist aber hier zu finden:

http://www.wiwi.uni-muenster.de/fcm/down..

Holger, (URL) - 16-02-’10 18:39
KLEINANLEGER

Prima, dass es hier Links zu den Studien gibt!

Zur Sache: Wenn man über keinen Kapitalstock verfügt, sondern ein laufendes Einkommen anlegen will, ist ein monatlicher Anlagerythmus naheliegend. Damit hat man dann automatisch den beschriebenen Cost-Average-Effekt, ob man will oder nicht.

Die Qual der Wahl hat man jedoch bei der Anlage eines Kapitalstocks (z. B. einer zugefallen Erbschaft): Soll man dann alles auf einmal anlegen oder peu à peu? Die Bedeutung dieser Frage lässt sich nicht mit dem Argument als unrealistisch (oder gar: blöd) abtun, dass es nicht tunlich sei, 100% seines Kapitals in den Aktienmarkt zu stecken. Denn dieselbe Frage stellt sich auch dann, wenn man nicht in ein reines Aktienportfolio, sondern in ein diversifiziertes Portfolio investiert – und zwar vollkommen unabhängig von seiner Zusammensetzung (z. B. in einen den eigenen Risiko-Rendite-Vorstellungen entsprechenden Mischfonds).

Mein Ansatz: Wer mit dem Gedanken spielt, einen Kapitalstock nicht auf einmal, sondern nach und nach zu investieren, dem ist schlicht das Risiko seines Portfolios zu hoch. Wem es zu riskant ist, alles zu investieren, dem müsste es auch zu riskant sein, (nach der “Ansparphase”) alles darin zu belassen. Anstatt einen Anspar-Einstieg in Erwägung zu ziehen, sollte er stattdessen den riskanten Anteil auf ein Maß senken, das es ihm erlaubt, den gesamten Betrag auf einmal anzulegen (und darin zu belassen).

Viele Grüße vom KLEINANLEGER

KLEINANLEGER, - 16-08-’10 17:10
Holger

Hallo Kleinanleger,

der Gedanke hat Charme, ich bin mir aber nicht sicher, ob das wirklich die einzige Begründung vor der Angst vor einem falschen Einstiegszeitpunkt ist. Immerhin konditionieren diverse Medien Anleger darauf, irgendwie Market Timing zu probieren (man denke nur an die unzähligen Berichte über Chartanalyse).

Und ich denke schon, dass man Angst vor einem falschen Einstiegszeitpunkt haben kann, ohne deswegen gleich insgesamt zu riskant investiert zu sein. Man kann sich ja selbst dann über einen schlechten Einstiegszeitpunkt ärgern, wenn man nur 5 Prozent seines Kapitals riskant anlegt und dann 20 Prozent davon verliert.

Insofern kann eine stufenweise Investition schon eine psychologische Krücke sein, denke ich. Eine Senkung des Risikoanteils ist allerdings sicher auch eine Möglichkeit, die man erwägen sollte. Nur kann auch das leicht dazu führen, dass man sich nach 3 guten Monaten denkt: Ach, schade, ich wollte ja sowieso mehr investieren. Also mache ich’s jetzt.

Grüße

Holger, (E-Mail ) (URL) - 17-08-’10 14:44
KLEINANLEGER

Hallo, Herr Handstein!

Wer einen dreimonatigen Sparplan braucht, um überhaupt zu investieren, soll ihn in Gottes Namen nutzen.

Aber der Gedanke, nach dem “richtigen Einstiegszeitpunkt” Ausschau halten können, ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen eben nicht tragfähig. Streng genommen handelt derjenige, der einen Anspar-Einstieg wählt, ebenso irrational wie derjenige, der nach drei Monaten seine Depotstruktur umgestalten will (es sei denn, bei letzterem ist etwas Relevantes passiert, das den Anlagehorizont oder die Risikotragfähigkeit ändert).

Die zitierte Kurzformel von Rozeff in der Studie von Albrecht pp. gefällt mir: “Those who hesitate, lose.” Natürlich gilt auch diese Aussage wieder nur im statistischen Durchschnitt und bedeutet nicht, dass IN JEDEM FALL eine Sofortanlage besser wäre. Aber der Anleger müsste sich VOR SEINER ENTSCHEIDUNG sagen: “Wenn ich eine Einmalanlage vornehme, habe ich eine größere Wahrscheinlichkeit, meine finanziellen Ziele zu erreichen, als bei einem Sparplan.” Warum sollte er dann die weniger erfolgsträchtige Variante wählen?

Viele Grüße vom KLEINANLEGER

KLEINANLEGER, - 17-08-’10 16:38
Holger

Hallo Kleinanleger,

Sie haben Recht. Ich wollte das auch gar nicht bestreiten. Andererseits denke ich, dass es bei der Geldanlage immer auch darum geht, die Schwächen der menschlichen Psyche so gut wie möglich im Zaum zu halten. Und ich kann mir schon vorstellen, dass ein über mehrere Monate gestaffelter Einstieg eine gute, beruhigende Wirkung haben kann. Die theoretischen Auswirkungen auf Ertrag und Risiko sind aber natürlich gering: Weder leidet die (erwartete) Rendite großartig, noch kann das Risiko durch einen derartigen Kurz-Sparplan merklich gesenkt werden.

Grüße

Holger, (E-Mail ) (URL) - 18-08-’10 10:20
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