Fehler eines Privatanlegers: der Neue Markt
Teil 2 der Serie über Anlagefehler, aus denen man (vielleicht) etwas lernen kann - LHS, die Internetmanie und ich
Vor längerer Zeit hatte ich mit einem Artikel über die Telekom-Aktie begonnen von Fehlern zu erzählen, die ich in der Vergangenheit so begangen habe. Das ganze soll eine Serie werden, also wird's allmählich Zeit für den zweiten Teil. Und der dreht sich - wie könnte es anders sein - um den Neuen Markt, die Internetmanie und deren Auswirkung auf ins Risiko verliebte Zivildienstleistende.
Wir erinnern uns: Völlig unbeleckt von jeglichem Börsenwissen hatte ich die T-Aktie beim IPO der Telekom gezeichnet und sie etwas später mit 4 DM Gewinn je Aktie verkauft. Ein tolles Geschäft, dachte ich damals. Wenig später fingen sämtliche Aktienkurse allerdings an, um gänzlich andere Beträge zu steigen. Hm.
Börse online und ein Freund als Ratgeber
Nachdem mein erstes Börsengeschäft bewiesen hatte, wie kompetent ich in allen Dingen rund um die Geldanlage mit Aktien war, wollte ich mehr. Aus irgendeinem Grund wollte ich aber nicht wieder die T-Aktie kaufen. Ein Glück für mich, dass ein - gleichaltriger - Freund schon fleißig an der Börse zockte und Abonnent des Fachblattes Börse online war.
Dort schaute ich rein und wurde fündig: LHS Group, Top-Empfehlung. Ein Wachstumswert vom Neuen Markt. Ich war sofort Feuer und Flamme. Noch heute denke ich, dass es vermutlich auch mit dem Namen zu tun hatte. Der klingt nach wie vor schick, finde ich.
Natürlich war ich ein vernünftiger Zocker und wollte nicht all mein Geld auf einen einzigen Wachstumswert setzen (von dem ich vorher nie gehört hatte und dessen Geschäft ich ehrlich gesagt auch nicht verstand). Also kaufte ich auch noch eine solide Aktie: die der Metro AG.
Ein Depot aus Metro und LHS
Wie viel Geld ich investiert habe, weiß ich nicht mehr. Viel kann es nicht gewesen sein - sicher nicht mehr als 2.000 DM je Position. Wahrscheinlich war es weniger - und für mich war es trotzdem viel Geld.
Jedenfalls: Von nun an verfolgte ich eifrig die Börsennachrichten am Fernsehen und die Kurse im Videotext. An viele Details erinnere ich mich nicht mehr. Es muss irgendwann 1997 passiert sein, also noch vor der größten Internet-Euphorie. Während ich Besitzer der Metro-Aktien war, kam eine Kapitalerhöhung. Ich ging sie mit.
Und irgendwann verkaufte ich meine Aktien wieder. Mit Gewinn. Dafür war aber vor allem die Metro-Aktie verantwortlich. Und allzu viel Gewinn kann es auch nicht gewesen sein - mein Leben ging danach jedenfalls weiter wie zuvor. Ich war immer noch nicht richtig mit dem Börsenvirus infiziert.
Auf Kredit zeichnen, auf Zuteilung hoffen, mit 100 Prozent Gewinn verkaufen
Ganz im Gegensatz zum oben erwähnten Freund übrigens. Der war inzwischen dazu übergegangen, sich während der Zeichnungsfrist von Neuemissionen am Neuen Markt die Graumarktkurse bei Schnigge anzuschauen. Und wenn die deutlich über der Bookbuilding-Spanne lagen, dann zeichnete er die Aktien - egal, ob er gerade Geld hatte oder nicht.
Ich wunderte mich zuerst, war irgendwann aber fasziniert: Mein Freund machte hin und wieder tatsächlich hohe Gewinne mit dieser Methode - und nie Verluste. Schließlich stieg praktisch jede Aktie direkt mit der Erstnotierung raketenartig in den Himmel.
Um das noch einigermaßen nachvollziehen zu können, habe ich mir eigens für einen Euro (plus Versandkosten) das Buch "Der Neue Markt. Chancen und Risiken für Anleger" bei Amazon bestellt. Es enthält tatsächlich einige schnuckelige Beispiele:
- LHS Group: Emissionspreis 28,96 DM, erster Kurs 38 DM, Erstnotiz 21. Mai 1997,
- Kinowelt Medien: Emissionspreis 55 DM, erster Kurs 130 DM, Erstnotiz 12. Mai 1998,
- Kabel New Media: Emissionspreis 6,15 Euro, erster Kurs 17 Euro, Erstnotiz 15. Juni 1999,
- usw. usf.
Irgendwann im Jahr 1999 packte mich das Börsenfieber dann auch noch mal richtig. Ich ging zur Commerzbank eröffnete ein Depot und wollte, ohne einen Pfennig dort zu deponieren, irgendeine Schwachsinns-Aktie zeichnen. Die Commerzbanker spielten nicht mit. Zum Glück.
Erst Interneteuphorie, dann Dotcom-Crash
Schließlich ist der Rest der Geschichte bekannt: Kurz nach der Jahrtausendwende war die Wahnsinns-Hausse vorbei, ein furchtbarer Crash folgte. Der Neue Markt büßte in zweieinhalb Jahren 96 Prozent seines Wertes ein und wurde schließlich abgeschafft.
Die LHS Group hat heute nicht mal mehr einen Eintrag in der deutschen Wikipedia. Immerhin: Die englische Wikipedia enthält noch einen Eintrag zu LHS. Dort erfährt man nicht nur, in welchem Geschäftsfeld das Unternehmen sich tummelt, sondern auch, welch bewegte Geschichte es hinter sich hat: Nach mehreren Übernahmen gehört die LHS Group inzwischen zu Ericsson. Dass es das Unternehmen überhaupt noch gibt, zeigt vermutlich, dass es zu den werthaltigeren am alten Neuen Markt gehört. Immerhin hat es eine Pleite vermeiden können.
Das gilt im Übrigen auch für meinen spekulierenden Freund und mich: Reich sind wir nicht geworden am Neuen Markt - aber auch nicht arm. Und so hatte ich genug Geld übrig, um später weitere Fehler zu begehen. Dazu dann mehr in der nächsten Folge.
Zum Weiterlesen
- Warum man keine Einzelaktien kaufen sollte
- Die psychologischen Vorteile der passiven Geldanlage
- Alstria und ich - mein Aktien-Tagebuch








Ja, Börsengeschäfte im großen Stil macht eben nur der Fachmann erfolgreich. Ich finds gut, dass du hier konkrete Beispiele gibst, was man als Privatanleger so alles falsch machen kann. ich denke, dass viele von der großen Börse erstmal geblendet sind und auf das schnelle Geld hoffen.