Der stachlige Weg zur richtigen Entscheidung

Anlageentscheidungen völlig rational zu treffen, ist wirklich schwierig. Ein Beispiel aus dem Pflanzenleben.

Ein kleiner gruener KaktusIch lese gerade das ziemlich interessante, furchtbar dicke (und dazu mies übersetzte/lektorierte/korrigierte) Buch „Die Psychologie der Börse“ von James Montier. Es beschäftigt sich mit den psychologischen Unzulänglichkeiten, die es uns so schwer machen, vernünftige Anlage-Entscheidungen zu treffen. Es geht also ums Modethema Behavioral Finance. Mit dem will ich mich heute auch einmal beschäftigen – auf Umwegen allerdings. Ich möchte nämlich eine kleine Geschichte erzählen. Sie handelt von meinem neu entdeckten Hobby (Zimmerpflanzen), meiner Angst vor eingehenden Kakteen und meiner Suche nach Rat im Internet.

Operation nasse Erde

Also: Jeder weiß ja, dass Kakteen nicht viel Wasser brauchen. Schließlich wachsen sie sogar in Wüsten. Nun habe ich aber in einem billigen Kakteenbuch gelesen, dass man Kakteen folgendermaßen gießen soll: Einmal richtig nass machen, dann warten, bis die Erde komplett getrocknet ist. Dann wieder richtig nass machen.

Also habe ich mich an die Anleitung gehalten. Einziges Problem: Die Erde in zwei Töpfen wollte tagelang nicht trocknen. Also fragte ich in einem Forum, dass mir beim Googlen wiederholt durch Masse und Klasse aufgefallen war, ob das denn alles so gut für die staunässeempfindlichen Kakteen sein könne.

Einhellige Antwort mehrerer offenkundig kompetenter Nutzer: Eher nicht. Aber eigentlich sollte gute Kakteenerde auf jeden Fall schnell abtrocknen.

Nun war ich davon überzeugt, dass meine Kakteen in guter Erde standen. Schließlich hatte ich wenige Monate vorher erst teure Spezialerde von Compo gekauft. Das schrieb ich im Forum auch.

Die Mauer der Ablehnung

Ich stieß auf eine Mauer der Ablehnung: Typische Kakteenerde aus dem Gartengeschäft sei eben gerade keine gute Erde für Kakteen, weil sie zu viel Torf enthielte. Kakteen bräuchten aber ein stark mineralisches Substrat (also Kiesel, Ton, Sand und so). Am besten solle ich sofort gute Spezialerde bestellen oder mir selbst etwas zusammenmischen. Und dann umtopfen. So schnell wie möglich.

Ich protestierte müde (gleich komme ich auch wieder auf die Geldanlage zu sprechen). So schlecht könne teure Kakteenerde ja nicht sein, sonst würde sie nicht im Fachhandel verkauft. Und außerdem hätte ich vor zwei Monaten erst umgetopft, so viel Veränderung sei doch nicht gut für Pflanzen. Und so weiter.

Doch die Experten blieben hart: Umtopfen und enttorfen sei das einzig Wahre.

Meine "Lösung"

Habe ich umgetopft? Nein – ich recherchierte lieber weiter. Nach mehreren anderen Websites, auf denen mineralisches Substrat gepriesen wurde, fand ich dann auch eine, die Standard-Kakteenerde nicht für völlig ungeeignet hielt. Zur Sicherheit fragte ich anschließend noch mal in einem Gartencenter nach, das Compo-Kakteenerde verkaufte. Ergebnis: Ja, die Erde sei schon okay. Was sollte die Frau auch sagen.

Und so sitzen meine Kakteen bis heute in der falschen Erde (ja, sie leben und gedeihen nach wie vor).

Und die Moral von der Geschicht...

Was diese lange und hoffentlich nicht zu langweilige Geschichte mit Geldanlage zu tun hat? Nun: Sie demonstriert aufs Schönste eine der gefährlichsten psychologischen Fallen, in die wir Anleger so tappen – die Bestätigungstendenz. Wir mögen Informationen viel lieber, wenn sie in unser bestehendes Weltbild passen. Und wir neigen dazu, Informationen, die unseren Frieden stören und unangenehm für uns sind, einfach beiseite zu schieben – und so lange nach anderen Informationen zu suchen, bis wir welche gefunden haben, die unsere einmal gefasste Meinung bestätigen.

Wenn man das an sich selbst beobachten kann, ist das ziemlich beängstigend. Denn mal ehrlich: Würden Sie jemandem Ihr Geld anvertrauen, der so mit seinen Kakteen umgeht?

Natürlich kann man jetzt sagen, dass die paar Kakteen definitiv so unwichtig sind, dass man sich keinen großen Kopf über die richtige Erde machen sollte – bei wichtigen Anlage-Entscheidungen passt man schließlich besser auf.

Aber das eigentlich Schlimme war ja nicht meine Entscheidung, die Kakteen in der schlechten Erde sitzen zu lassen. Sondern die Tatsache, dass ich mich ernsthaft darum bemüht habe, noch Argumente dafür zu finden. Ich hätte schließlich mit vollem Recht sagen können: Ist mir doch alles egal. Tat ich aber nicht. Ich brauchte eine Rechtfertigung.

Das erinnert doch sehr an die Suche nach Gründen, warum man irgendeine bestimmte Aktie unbedingt noch im Depot behalten sollte. Oder ans Ausblenden von Negativ-Nachrichten nach dem Kauf einer Griechenland-Anleihe.

Oder vielleicht auch: an die Suche nach immer neuen Gründen, warum passives Anlegen mit ETFs besser ist als aktives Stockpicking...

Zum Weiterlesen

Zum Weitersagen

These icons link to social bookmarking sites where readers can share and discover new web pages.
  • Del.icio.us
  • Digg
  • Google
  • StumbleUpon
  • Technorati
  • Facebook
  • Twitter

Kein Kommentar

Emoticons
Bitte beantworten Sie diese einfache Frage. Sie dient dazu, automatisierten Kommentar-Spam zu verhindern.
Persönliche Informationen speichern?
Benachrichtigen
E-Mail Adresse nicht anzeigen
Hinweis: Alle HTML-Tags außer <b> und <i> werden aus Deinem Kommentar entfernt. URLs oder Mailadressen werden automatisch umgewandelt.