Neigt sich der Boom der ETFs dem Ende entgegen?
Überflüssige Produkte, kritische Stimmen, Fondsschließungen
Vor zwei, vielleicht auch noch vor einem Jahr waren ETFs eigentlich jedermanns Liebling (wenn wir mal von den Emittenten und Vertreibern aktiver Fonds absehen). Immer mehr Privatanleger entdeckten ETFs für sich, immer mehr Anbieter drängten auf den Markt und legten immer neue Fonds auf. Doch allmählich scheint die Stimmung ein wenig zu kippen. Mit jedem kompliziert gestrickten Nischen-ETF, der auf den Markt kommt, wächst die Zahl der kritischen Stimmen. Und es gibt noch mehr Anzeichen dafür, dass sich die Zeit des ungebremsten ETF-Wachstums dem Ende entgegen neigt.
Zu viele schwer durchschaubare Produkte
Es muss mal eine Zeit gegeben haben, in der die Mehrzahl der ETFs tatsächlich dem schönen Slogan „Einfach, Transparent, Flexibel“ gerecht wurden. Indexfonds galten zuvorderst als Vehikel zur langweiligen, langfristigen Geldanlage. Vielleicht ist das aber auch einfach Legendenbildung. Jedenfalls ist es heute anders. An der Deutschen Börse sind 674 ETFs gelistet, die synthetische Replikation mit Hilfe schwer verständlicher Swap-Konstruktionen drängt die relativ einfach nachvollziehbare vollständige Indexnachbildung (mit echten Wertpapieren!) mehr und mehr an den Rand. Bedenken über die Sicherheit der Swap-Konstruktionen versuchen die verschiedenen Emittenten mit unterschiedlichsten Mechanismen zur Besicherung zu zerstreuen, die fast noch schwerer zu verstehen sind als die Derivate-Konstruktion im Fonds selbst. Zugleich kommen immer neue Hebel- und Short-ETFs auf den Markt, deren Wertentwicklung für viele Anleger nicht nachvollziehbar (weil intuitiv nicht einleuchtend) ist.
Hinzu kommt die – wohl gewollte – Verwirrung um Produkte mit ähnlichen Namen, aber unterschiedlicher Konstruktion, namentlich um ETCs und ETNs. Die stellen im Gegensatz zu ETFs Schuldverschreibungen mit Emittentenrisiko dar, das die Anbieter aber teilweise wegzubesichern versuchen. Und das Image von ETFs als Langfristanlage ist auch eine Sache von gestern – heute werden die Dinger auch geschätzt, weil sich mit ihnen so schnell ganze Märkte kaufen, verkaufen, leerverkaufen und hebeln lassen.
Kritische Stimmen auch von Aufsichtsbehörden
In diese Gemengelage mischen sich immer mehr kritische Stimmen, die auch von Institutionen der Finanzaufsicht kommen. So schrieb die Bank of England vorige Woche in ihrem Financial Stability Report: „While offering a number of benefits, ETFs also potentially bring some risks to the financial system, and these will need watching.“
Wie bitte? Risiken für die Stabilität des Finanzsystems? Ja – und die BoE nennt verschiedene potenzielle Gefahrenquellen. So sei nicht gewährleistet, dass die Indizes, auf die ETFs sich beziehen, jederzeit genügend liquide handelbar sind – vor allem bei Rohstoff-ETFs könne es dadurch zu Verzerrungen und Abweichungen des ETF-Wertes vom Wert des Basiswertes kommen. Allerdings scheint es auch bei Aktien-ETFs Probleme zu geben. Darauf weist auch ein Artikel im Economist hin (Dank für den Link an Matthias!): Als die amerikanischen Aktienmärkte beim „Flash Crash“ im Mai innerhalb weniger Minuten total in die Knie gingen, waren viele ETFs praktisch unverkäuflich: „As liquidity disappeared that day, many ETFs traded down nearly to zero.“
Auch die schon genannten Hebel-ETFs sollen ein Risiko darstellen. Der BoE zufolge repräsentieren die Hebel-Dinger zwar nur 3 Prozent des ETF-Marktes, sind aber für 20 Prozent des täglichen Handelsvolumens verantwortlich. Dies könne Abweichungen zwischen ETFs und zugehörigen Indizes noch verstärken.
Als dritten Risikofaktor nennt der Report die Wertpapierleihgeschäfte, die vor allem bei voll replizierenden ETFs an der Tagesordnung sind. Die verleihen die von ihnen gehaltenen Wertpapiere gegen eine Gebühr (und Sicherheiten) und steigern so ihre Rendite (nebenbei lassen viele Fondsgesellschaften einen großen Teil der Zusatzerträge direkt ins eigene Säckel wandern, aber das ist ein anderes Thema). Die Leihgeschäfte gelten jedenfalls auch deshalb als riskant, weil es passieren könnte, dass der ETF-Emittent über die Wupper geht und die Anleger plötzlich mit einem Sondervermögen dastehen, das zwar Wertpapiere enthält – aber eben nicht die gewünschten, sondern die als Sicherheit hinterlegten. Und wer kann schon sagen, ob sich diese in einer Krise vernünftig verkaufen lassen?
Schließlich spricht der Report auch das bekannte und oft thematisierte Kontrahenten-Risiko an, das bei synthetisch, also mithilfe von Derivaten replizierenden ETFs besteht. Geht bei solchen Fonds der Swap-Partner pleite, dann besteht die Gefahr, dass zumindest ein Teil des Fondsvermögens verloren ist. Intransparent und schwer verständlich sind die Swap-Konstruktionen in jedem Fall. In den USA hat die Aufsichtsbehörde SEC deshalb bereits ein Moratorium für die Auflage neuer Swap-ETFs verhängt – und hat eine Regelung angekündigt, die den Einsatz von Derivaten dauerhaft begrenzt.
Man mag jetzt sagen, dass alle genannten Risiken schon länger bekannt sind – und das stimmt. Nur rücken die Risiken eben durch das schnelle Wachstum des ETF-Marktes eben immer stärker in den Fokus.
Auch ETFs werden fusioniert oder geschlossen
Apropos Wachstum: Auch das scheint nicht mehr ganz so reibungslos zu verlaufen. So nimmt ETF-Anbieter Lyxor diesen Freitag acht seiner Produkte vom Markt. Die Begründung: Überschneidung mit der ETF-Palette der Société Générale Asset Management Alternative Investments (SGAM AI), die zum selben Mutterkonzern gehört.
Experten warnen allerdings schon länger davor, dass die Vielzahl sehr exotischer und kleiner ETFs mit einem Volumen von 10 Mio. Euro und weniger nicht profitabel sein kann. Sehen wir also bald womöglich mehr ETF-Schließungen als Neunotierungen?
Sicher ist: Die Zeiten des ungebremsten Wachstums und der ungeteilt positiven öffentlichen Meinung sind auch für ETFs vorbei. Die oben genannten Übertreibungen der Branche selbst, die Intransparenz und die geringe Größe vieler ETFs, aber auch die kritischere Beobachtung durch Aufsichtsbehörden und Anleger dürften tatsächlich eine Phase der Konsolidierung einläuten.
Aber das muss ja nichts Schlechtes sein. Schließlich ist nicht die Zahl der ETFs entscheidend, sondern vor allem deren Qualität, Transparenz und Sicherheit.
Zum Weiterlesen
- Kriterien zur Auswahl und zum Kauf eines ETFs
- Das Emittentenrisiko bei ETCs
- ETF-Musterdepot: Die Strategie des Arero mit ETFs nachbauen








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