Risiko, Kosten und Co. - was taugt „Deutschlands erster Mitmachfonds“?

Eine spannende Idee steckt in jedem Fall hinter dem Fonds Multi-Structure Investtor Aktien Global. Die Frage ist aber: Funktioniert die Anlagestrategie?

Finance 2.0 ist derzeit ein beliebtes Schlagwort – Finanzdienstleistungen zum Mitmachen halt. Auch die jüngst gescheiterte Noa Bank surfte auf dieser Welle. Doch natürlich gibt es eine Reihe weiterer Anbieter von Mitmach-Finanzprodukten. Eine besonders charmante Idee: Deutschlands erster Mitmach-Investmentfonds, Multi-Structure Investtor Aktien Global (WKN A1CVE2). Bei dem können die Anleger selbst bestimmen, welche Aktien gekauft werden. Klingt spaßig. Aber ist es auch eine erfolgversprechende Strategie?

Wie funktioniert der Mitmach-Fonds?

Für die Erklärung der Funktionsweise bediene ich mich mal bei der Website des Fonds (ohne Garantie, dass ich alles richtig verstanden habe): Anleger beim Mitmachfonds können mitbestimmen, wie viel Geld in welche Aktien gesteckt wird. Dazu gibt es ein Abstimmungsverfahren. Voraussetzung für die Teilnahme: Ein Einzel-Anleger muss mindestens 80 Fondsanteile kaufen, derzeit also etwa 4.000 Euro in den Mitmach-Fonds stecken. Wer weniger investieren will, kann mit Freunden einer Zweier- oder Dreier-Team bilden – und muss dann nur 50 Anteile (je Anleger im Zweier-Team) bzw. 40 Anteile (je Anleger im Dreier-Team kaufen). Heißt: Ab gut 2.000 Euro ist man dabei. Dann muss man sich mit seinen Teamkollegen allerdings eine Stimme teilen.
Die gesamte Abstimmung über die Fondsstrategie läuft über die Plattform Investtor.de. Wer genügend Anteile besitzt und sich registriert, kann hier Kursprognosen abgeben, aber auch Kauf- und Verkaufs-Empfehlungen für Aktien aus dem 200 Werte umfassenden Anlage-Universum. Bei den anonymen Abstimmungen gilt: ein Anleger (bzw. ein Team), eine Stimme – der Einfluss auf die Strategie steigt also nicht mit der Größe der Position.

Als zusätzlicher Anreiz, klug abzustimmen, dient dabei eine Art Performance Fee für Anleger – die besten Entscheider erhalten jedes Jahr eine Bonuszahlung, die so genannte Bonifikation. Nach welchen Kriterien die besten Entscheider ermittelt werden, habe ich, ehrlich gesagt, nicht verstanden.

Was taugt das Konzept des Mitmach-Fonds?

Überraschung, Überraschung: Ich bin skeptisch. Das liegt zunächst einmal daran, dass es viele Hinweise darauf gibt, dass eine langfristig erfolgversprechende Anlagestrategie antizyklisch sein sollte. Wann immer viele Menschen gemeinsam eine Entscheidung treffen, dürfte sich aber der Mainstream durchsetzen. Man könnte auch das etwas negativere Wort Herdentrieb dafür benutzen. Der führt – Trendfolge hin, Trendfolge her – oft zu Übertreibungen, nach oben wie nach unten. Dafür gibt es theoretische Belege, aber auch meine eigene Erfahrung aus Meinungsbildungs-Prozessen in Gruppen oder Foren zeigt: Abweichende Meinungen haben dabei keine Chance sich durchzusetzen, Risiken werden systematisch ausgeblendet, es herrscht eine starke Tendenz, die bestehende Meinung durch selektive Fakten und Argumenten zu bestätigen.
Hinzu kommt: Das ganze Abstimmungs-Verfahren appelliert an den Spieltrieb der Anleger, rückt den Spaß am Entscheiden in den Vordergrund. Ich fürchte, das führt zu einem flinken Hin und Her, vielen (unnötigen) Käufen und Verkäufen und damit zu hohen Transaktionskosten auf Fondsebene. Das beeinträchtigt die Performance.

Allerdings will ich damit nicht nahe legen, dass das Fondskonzept schlecht oder nicht durchdacht ist. Immerhin stimmen grundsätzlich die Anreize für die Investoren: Sie managen ihr eigenes Kapital und erhalten zudem eine Erfolgsprämie. Zudem gibt es eine Reihe von Schutzmechanismen gegen die von mir skizzierten Probleme. Der wichtigste: Die Abstimmungen sind anonym, auf der Abstimmungsplattform selbst gibt es keine Möglichkeiten zum Austausch bzw. zur gegenseitigen Beeinflussung.

Man muss aber fragen, wie wirksam ein derartiger Mechanismus sein kann, wenn in der Fonds-FAQ gleichzeitig auf die Möglichkeit zum Austausch „in den gängigen Börsen- und Social Media-Foren, wie zum Beispiel bei der fidor bank ag“ hingewiesen wird. Klar, da wollen zwei zarte Finance-2.0-Pflänzchen sich gegenseitig beim Wachstum helfen. Aber der Schutz vor Informationskaskaden wird eben trotzdem ausgehöhlt.

Aber wie gesagt: Es gibt weitere Schutzmechanismen, unter anderem eine Begrenzung der Größe einzelner Positionen auf maximal 4 % des Fondsvermögens beim Kauf.

Wie sieht es mit den Kosten des Mitmach-Fonds aus?

Was die Kosten und Gebühren angeht, gibt der Multi-Structure Investtor Aktien Global ein recht gutes Bild ab. Die Verwaltungsgebühr liegt aktuell bei 1 % des Fondsvermögens pro Jahr, die Obergrenze bei 1,25 %. Bis zu 0,4 % des Fondsvermögens sollen jedes Jahr an die besten Entscheider ausgeschüttet werden – das ist die oben bereits genannte Performance Fee für Anleger.

Hinzu kommen ein Ausgabeaufschlag von 1 % und ein Rücknahmeabschlag von 2 %, der allerdings nach der Abmeldung von der Anlegerplattform erstattet werden soll. Dieser Abschlag dient wohl vor allem dazu, eine effektive Organisation der Abstimmungen zu gewährleisten.

Das zumindest sind die einzigen Kostenfaktoren, die auf der Investtor-Plattform aufgezählt werden. Ein Blick in den Verkaufsprospekt zeigt allerdings: Es fallen weitere Kosten an. Im Wesentlichen sind das eine Depotbankgebühr in Höhe von 0,2 % pro Jahr und eine „Betreuungsgebühr“ für die Verwaltungsgesellschaft in Höhe von 0,27 % pro Jahr.

Beide Gebühren sollten in die Total Expense Ratio (TER) einbezogen werden, so das die Gesamtkostenquote vor Transaktionskosten bei bis zu 1,72 % (minus Ausschüttung an die Anleger) liegt. Das ist, verglichen mit anderen aktiv gemanagten Aktienfonds, immer noch ein recht guter Wert.

Sollte ein Mitmach-Fonds nicht transparenter sein?

Ärgerlich ist daran nur, dass interessierte Anleger erst in den Prospekt schauen müssen, wenn sie von diesen Kosten erfahren wollen. Der Prospekt ist nämlich auf der Investtor.de-Plattform nicht einmal verlinkt. Man muss erst die Website der KAG finden und sich dann zum Prospekt durchklicken. Auf Investtor.de gibt es nur ein Fonds-Factsheet. Das aber enthält nicht einmal eine entscheidende Information wie das Fondsvolumen. Das ist aus Marketing-Sicht zwar nachvollziehbar, schließlich ist das Volumen derzeit, wenige Monate nach dem Start, noch vergleichsweise winzig. Aus Anlegersicht ist es trotzdem ärgerlich.

Das gilt erst recht, weil zu Finance 2.0 eben nicht nur der Mitmach-Aspekt gehört, sondern (eigentlich) auch ein Höchstmaß an Transparenz.

Kann man den Mitmach-Fonds nun kaufen oder nicht?

Tja. Ich kaufe ihn sicher nicht. Dafür ist der Fonds zu neu, zu klein, zu teuer, und ich bin von der Strategie zu wenig überzeugt. Das heißt aber nicht, dass ich das Experiment schlecht finde. Ich denke, es gibt eine Nische für einen solchen Fonds – zumal die Kosten sich definitiv in einem vertretbaren Rahmen bewegen. Zum jetzigen Zeitpunkt dürfte es sich beim Multi-Structure Investtor Aktien Global aber eher um ein Produkt für Überzeugungstäter oder Menschen mit viel Geld und Spaß am Spiel handeln.

Dennoch werde ich die Entwicklung des Fonds mit Interesse verfolgen. Und natürlich bin ich an Ihrer Meinung dazu interessiert: Ist ein Mitmach-Fonds für Sie eher eine Schnapsidee oder doch eine Revolution auf dem Finanzmarkt?

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dreizehn Kommentare

Rolf

Uff, absurder geht es immer. Gehe mit Ihnen voll d’accord, dass das eigentlich(!) nicht viel werden kann.

Rolf, - 06-09-’10 17:32
Holger

Hallo Rolf,

so negativ war der Beitrag allerdings gar nicht gemeint. Ich erwarte zwar nicht viel, aber immerhin scheint es sich hier nicht um ein Abzock-Produkt zu handeln – ist ja auch schon was.

Grüße

Holger, (E-Mail ) (URL) - 07-09-’10 09:11
Rolf

Kann man sich drüber streiten. Bis zu 1,25% Verwaltungsgebühr + Zusatzkosten für was denn bitte???

Rolf, - 07-09-’10 09:44
Holger

Na ja, die Mitmach-Plattform dürfte nicht kostenfrei zu betreiben sein. Und wenn tatsächlich ein nennenswerter Anteil der Verwaltungsgebühr zurück an die Anleger fließt, sinkt die Kostenbelastung ja ein Stück. Ich sage ja nicht, dass das Ding billig ist. Aber wenn man sich andere Fonds anschaut – etwa die beliebten ETFachfonds-Konstrukte , DB Privat Mandat etc. pp., dann steht der Mitmach-Fonds im Kostenvergleich schon ziemlich gut da.

Aber klar: ETFs bieten ziemlich sicher ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis.

Holger, (E-Mail ) (URL) - 07-09-’10 10:24
Rolf

Nun ja, nicht alles was hinkt ist ein Vergleich… ;-)
Bei den von Ihnen angesprochenen ETFachfonds komme ich immerhin in den (sicherlich auch äusserst zweifelhaften) Genuss einer aktiven Vermögensverwaltung nach bestimmten Kriterien.
Hier hingegen zahle ich quasi für die Schwarmdummheit. Theoretisch, wenn das Konzept wirklich funkltionieren würde, sollte ja eh etwas extrem marktnahes rauskommen. Das ganze ist IMO nichts anderes als eine “Marktsimulation” auf niedrigem Niveau.

Rolf, - 07-09-’10 19:11
Holger

Aktiv verwaltet wird hier auch, nur dass der Aufwand eben vor allem in der Betreuung der Plattform und der Anleger (und der anschließenden Umsetzung ihrer Entscheidungen) liegt. Ich denke nicht, dass das Ziel des Fonds bzw. der teilnehmenden Anleger ist, extrem marktnah (also einem Indexfonds ähnlich) zu agieren. Aber ja, ich denke auch, dass es am Ende auf so etwas hinauslaufen wird.

Holger, (URL) - 08-09-’10 00:59
INVESTTOR

Kommentar vom Fondsbetreiber INVESTTOR

Sehr geehrter Herr Dr. Handstein,

vielen Dank für Ihren ausgewogenen und gut recherchierten Artikel. Wir freuen uns über Ihr Interesse an unserem Fondskonzept und nehmen Ihre Anregungen sehr ernst.

Den Verkaufsprospekt haben wir nun unter der Rubrik Fragen und Antworten verlinkt.

Sie haben natürlich Recht, dass für Finance 2.0 Unternehmen strenge Transparenzrichtlinien zu gelten haben. Was Sie aus den Unterlagen nicht ersehen können. Die Gesamtkostenquote ist derzeit deutlich geringer und berechnet sich wie folgt:

1% Managementgebühr p.a. (abzüglich Ausschüttungen an Anleger von ca. 0,4%)
0,2% Depotgebühr
0,05% Tax D’Abonnement in Luxemburg

Dies ergibt eine angenäherte TER von ca. 1,25% (abzüglich der Boni-Ausschüttungen)

Die Verwaltungsgebühr von 0,22% wird in den ersten zwei Jahren vereinbarungsgemäß nicht erhoben.

Unser erklärtes Ziel ist es, das Mitmachfondskonzept langfristig mit unseren Anlegern erfolgreich zu etablieren.

Um auch Ihnen unseren Fondsansatz inhaltlich näher zu bringen, erlauben wir uns, Ihnen postalisch das Sachbuch von J. Surowiecki “Weisheit-der-Vielen” zu übersenden.

Wir freuen uns auf anregende Diskussionen und verbleiben mit den besten Grüßen!

INVESTTOR, (E-Mail ) (URL) - 10-09-’10 16:04
Holger

Vielen Dank für die Erläuterungen und die Zusendung des Buches. Ich werde dann berichten, ob die “Weisheit der vielen” mich überzeugen konnte.

Grüße

Holger, (URL) - 11-09-’10 07:51
Sven

Die große Gefahr ist mit Sicherheit, dass die “Weisheit der vielen” nicht immer auch die Beste ist. In vielen Dingen mag es funktionieren, die Anleger der Telekom Aktie werden hier jedoch eine andere Auffassung haben :-)

Der Mitmachfonds gibt aber das Gefühl selbst verantwortlich zu sein. Ein wichtiges Kriterium für Zufriedenheit – insofern ist der Ansatz spannend und sollte ausgebaut werden. Ich schätze jedoch, dass es wie alles neue in der Welt gewisse Anlaufschwierigkeiten geben wird bis man ein wirklich perfektes System hat.

Sven, (E-Mail ) (URL) - 12-09-’10 08:27
Bankfuzzy

Letztendlich bleibt es jedem Investor selbst überlassen, in was er Investiert. Er kann sich aber auch Fonds aussuchen, welche genau das Paket enthalten, in das er investieren will. Ob die Weisheit vieler immer gewinnbringend ist, ist wieder eine andere Frage.

Bankfuzzy, (URL) - 14-09-’10 16:08
Dickies

Also ich finde auch, dass beim Fondssparen generell zu viele Gebühren und Provisionen anfallen…
Hier z.b.:
http://www.biallo.de/finanzen/Fonds/geld..

Dickies, (E-Mail ) - 21-09-’10 19:15
Holger

Ja, das ist leider so – nicht nur, aber auch bei Fonds. Liegt einerseits sicher daran, dass es so viele Möglichkeiten gibt, Gebühren zu verstecken. Andererseits sind aber halt auch immer noch viele Anleger bereit, teures Geld für aktives Management zu zahlen. Wobei man ja sagen muss, dass der hier diskutierte Fonds ausdrücklich nicht zu den teureren aktiven zählt. Aber deutlich teurer als ein ETF ist er halt immer noch.

Holger, (URL) - 22-09-’10 20:51
Holger

Hier auch noch kurz der Hinweis: Ich habe das Buch inzwischen gelesen und noch einen Artikel über den Mitmachfonds und die Weisheit der Vielen geschrieben.

Holger, (URL) - 03-12-’10 09:56
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