Offene Immobilienfonds: die Commerzbank und die Krise

Wenn der Vertrieb einer Großbank sich gegen einen Fonds stellt, hat dieser offensichtlich keine Chance mehr

Erinnern Sie sich noch? Ein gutes halbes Jahr ist es her, dass in den Medien Vertriebspraktiken der Commerzbank für massive Mittelabflüsse aus den ehemals von der Dresdner Bank vertriebenen Offenen Immobilenfonds Degi Europa und Degi International verantwortlich gemacht wurde. Zitat: „Es scheint, als hätten Commerzbank-Berater Anleger aus den Degi-Fonds in die Commerz-Real-Fonds gedreht, um die Provisionsgebühr von fünf Prozent zu kassiern.” Die Folge: Die Degi-Fonds wurden geschlossen (und sind es noch heute). Und die Commerzbamk-Kolonne ist scheinbar weitergezogen. Gestern schloss die Fondsgesellschaft Allianz Global Investors ihren Immobilien-Dachfonds Premium Management Immobilien-Anlagen (PMIA) wegen hoher Mittelabflüsse.

Heute lieferte Welt online die Gründe dafür nach. Offenbar hatte die Commerzbank mal wieder eine Vertriebsoffensive gestartet, den Verkauf des PMIA empfohlen und den hauseigenen Hausinvest Europa mit einem reduzierten Ausfabeaufschlag angeboten. Was sagt man dazu?

Nun, mir fällt so einiges ein:

  1. Sprechen die kursorischen Einblicke in die Vertriebsrealität der Commerzbank mal wieder Bände über das, was hier zu Lande noch immer als Beratung im Dienste der Anleger verkauft wird: Die Kunden erhalten auf breiter Front die gleiche Empfehlung - ob sie nun zu ihnen passt oder nicht. Und "zufällig" verdient die Bank an dieser Empfehlung auch noch Geld, weil sie erneut eine Verkaufsprovision einstreichen darf.
  2. Werden nicht nur die Anleger beschissen, die den einen Fonds gegen den anderen eintauschen, sondern auch Anleger, die im zum Verkauf empfohlenen Fonds bleiben - weil der auf Gedeih und Verderb vom Vertriebsnetz einer einzelnen Großbank abhängig und plötzlich dicht ist, völlig unabhängig von der Leistung, die das Fondsmanagement zuvor erbracht hat (wobei ich die Kollegen von Degi jetzt auch nicht in den Himmel loben will).
  3. Könnte man zynisch sagen, dass die Anleger nun mit dem Hausinvest Europa so ziemlich auf der sicheren Seite sind. Schließlich gehört die Fondsgesellschaft Commerz Real zur Commerzbank, weshalb die Coba-Vertriebler wohl kaum zur Massenflucht aus ihren Fonds blasen dürften. Und die Gebührenbelastung dürfte auch geringer sein als die des gestern geschlossenen Immobilien-Dachfonds.
  4. Andererseits: Die Commerzbank hat durch die Abkehr vom PMIA tatsächlich sogar ihren kleineren Offenen Immobilienfonds Hausinvest Global in Schwulitäten gebracht. Der hätte nämlich wohl auch schließen müssen, wenn der PMIA versucht hätte, die von ihm gehaltenen Hausinvest-Global-Anteile im Wert von mehreren hundert Millionen zu verkaufen. Auch das hat für mich ein heftiges Geschmäckle.
  5. Kann die Commerzbank ihre fragwürdigen Praktiken auch noch nutzen, um ihr Immobilien-Flagschiff als Fonds zu präsentieren, dem selbst eine jahrelange schwere Immobilien- und Finanzkrise nicht ernsthaft etwas anhaben konnte.
  6. Lässt das aber natürlich nach wie vor keine Schlüsse auf die Qualität des Fondsmanagements zu. Es scheint einfach so zu sein, dass die Management-Qualität ziemlich zweitrangig ist, so lange nur genügend Vertriebspower vorhanden ist (lassen wir einen Katastrophen-Fonds wie den Morgan Stanley P2 Value mal außen vor): Die Fonds mit starken Banken im Hintergrund (Hausinvest, Grundinvest, Deka, Union Investment) stehen gut da, die Fonds mit schwächerem Vertriebsnetz (Kanam, SEB, Credit Suisse, Axa) haben Probleme - und diejenigen, die irgendwann mal von der Dresdner Bank oder der Commerzbank verkauft wurden, jetzt aber nur noch verraten werden, sind völlig gekniffen. Und wenn ein Fonds lange geschlossen bleibt, dann steigt auch die Gefahr von Abwertungen des Immobilienvermögens. Schließlich stellen Versuche, ein Objekt zu verkaufen, die Nagelprobe auf die Werthaltigkeit des Objekts dar. Hat ein Fonds keine Liquiditätsprobleme, kommt er nie in die Lage, eine solche Nagelprobe bestehen zu müssen. Hat er welche, ergeht es im womöglich wie gerade wieder dem TMW Immobilien Weltfonds: Nach erfolglosen Verkaufsversuchen muss abgewertet werden.

Insgesamt: ein ziemlich unappetitliches Spiel.

Zum Weiterlesen

Zum Weitersagen

These icons link to social bookmarking sites where readers can share and discover new web pages.
  • Del.icio.us
  • Digg
  • Google
  • StumbleUpon
  • Technorati
  • Facebook
  • Twitter

Kein Kommentar

Emoticons
Bitte beantworten Sie diese einfache Frage. Sie dient dazu, automatisierten Kommentar-Spam zu verhindern.
Persönliche Informationen speichern?
Benachrichtigen
E-Mail Adresse nicht anzeigen
Hinweis: Alle HTML-Tags außer <b> und <i> werden aus Deinem Kommentar entfernt. URLs oder Mailadressen werden automatisch umgewandelt.