Nachschlag: der Mitmachfonds und die Weisheit der Vielen

Ein Blick auf den Investtor Aktien Global im Licht des Buches, das offenbar als Inspiration gedient hat

Es war noch Sommer, als ich mich an dieser Stelle mit "Deutschlands erstem Mitmachfonds" befasst habe - und dabei durchaus den einen oder anderen Zweifel am Konzept des Mitmachfonds geäußert habe. Einige Kommentatoren waren noch kritischer. Reaktion der Fondsbetreiber: Sie schickten mir das Buch "Die Weisheit der Vielen" von James Surowiecki zu, das offenbar maßgeblichen Einfluss auf das Fondskonzept hatte. Nun hab ich's gelesen und möchte noch ein paar Zeilen zu Buch und Fonds schreiben. Allerdings muss ich sagen: "Die Weisheit der Vielen" hat nicht dazu beigetragen, meine Bedenken zu zerstreuen. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Das liegt nicht daran, dass ich grundsätzlich meine, Gruppen könnten keine guten Entscheidungen treffen. Vielmehr bezweifle ich nun erst recht, dass die Konstruktion des Mitmachfonds geeignet ist, bessere Entscheidungen zu treffen als a) qualifizierte Einzelpersonen oder b) der Aktienmarkt in seiner Gesamtheit.

Surowieckis vier notwendige Bedingungen für kluge Massenentscheidungen

Damit die Massen ihre Weisheit tatsächlich entfalten und Entscheidungen treffen können, die denen von Einzelpersonen überlegen sind, müssen James Surowiecki zufolge vier notwendige Bedingungen erfüllt sein:

  1. Meinungsvielfalt: Dieser Begriff bedeutet nach Surowiecki, dass jedes Mitglied der Gruppe über Informationen verfügt, die die anderen nicht haben - und sei es auch nur eine ausgefallene Deutung von Fakten, die allen bekannt sindl.
  2. Unabhängigkeit: Die Meinungen einzelner Mitglieder sind nicht durch die Meinungen anderer Mitglieder beeinflusst.
  3. Dezentralisierung: Die Mitglieder der Gruppe sind in der Lage, sich zu spezialisieren und "lokal gegebenes Wissen" heranzuziehen.
  4. Aggregation: Es gibt einen Mechanismus, der die Urteile der einzelnen Mitglieder bündelt, damit daraus eine Gruppenentscheidung werden kann.

Sind einzelne dieser Bedingungen nicht erfüllt, nimmt die Qualität der von einer Gruppe getroffenen Entscheidungen ab.

Mein relativ schlichtes Argument gegen den Mitmachfonds ist nun: Ich sehe keine Möglichkeit, wie ein einzelner Fonds diese Bedingungen besser erfüllen kann als der Aktienmarkt insgesamt. Wohl nirgendwo sonst treffen so viele Akteure mit so unterschiedlichem Wissensstand unabhängig voneinander Entscheidungen. Und einen eleganteren Aggregationsmechanismus als den Preis muss man vermutlich auch eine Weile suchen.

Demgegenüber stehen die Mitmachfonds-Anleger als relativ kleine, mutmaßlich relativ homogene Gruppe. Ein so kleiner Fonds mit einer so speziellen Ausrichtung dürfte schließlich zunächst einmal hauptsächlich Anleger ansprechen, die viel gemeinsam haben - etwa ein gewisses Faible für Dinge, die unter dem Siegel "Finance 2.0" laufen. Hinzu kommt, dass den Anlegern auch noch Kanäle zum Austausch von Informationen zur Verfügung stehen (nämlich Finanzcommunities).Kurz: Der Mitmachfonds als Gruppe dürfte dem Gesamtmarkt in Bezug auf die Fähigkeit, erfolgreiche Entscheidungen zu treffen in allen vier Punkten unterlegen sein.

Es steht also zu befürchten, dass der Mitmachfonds bestenfalls zu einer Art Indexfonds wird (was man auch billiger haben kann) und schlechtestenfalls gefährliche, am Markt wirkende Mechanismen wie den Herdentrieb sogar verstärkt.

Surowieckis merkwürdige Sicht auf die Finanzmärkte

Hinzu kommt: Ich halte die Diskussion der Finanzmärkte in "Die Weisheit für Massen" nicht gerade für ein Ruhmesblatt. Sie ist von einer ziemlichen Naivität geprägt, so dass ich mich als Fondsgesellschaft nicht gerade auf dieses Buch stützen würde. So widmet Surowiecki den Märkten zwar ein eigenes Kapital, gerade Finanzmärkten scheint er aber sehr skeptisch gegenüberzustehen. Die Tatsache, dass Börsenkurse so stark schwanken, ist für ihn sogar ein Argument dafür, dass der Aktienmarkt nicht gut funktioniert.

Nun wurden übertriebene Kursschwankungen schon öfter als Indiz dafür herangezogen, dass Finanzmärkte vielleicht doch nicht so effizient sind, wie es von vielen Forschern lange behauptet wurde. Insofern ist Surowieckis Argumentation an diesem Punkt sogar stichhaltig. Abenteuerlich wird es allerdings, wenn er ein Beispiel dafür nennt, wie seiner Meinung nach ein funktionierender Markt aussieht:

"In der realen Wirtschaft kommt es nie zu solchen Erscheinungen wie auf dem Aktiensektor. Der Preis eines Fernsehgeräts verdoppelt sich nicht plötzlich über Nacht und bricht ein paar Monate später wieder ein."

Wie bitte? Gibt es in Herrn Surowieckis Welt etwa keine wilden Rabattaktionen von Händlern? Und keine Preissuchmaschinen, die anzeigen, dass ein und derselbe Fernseher zu einem gegebenen Zeitpunkt in einem Shop mehr als 30 Prozent teurer ist als im anderen?

Geht es um Aktien, sind solche unterschiedlichen Preise für ein Gut zum selben Zeitpunkt deutlich schwerer zu finden: Der Kurs der Telekom-Aktie ist ziemlich gleich, egal ob ich an der Börse Stuttgart oder der Börse München kaufe.

Was sagt uns das? Nun: Vermutlich vor allem, dass man die ökonomischen Einlassungen des Herrn Surowiecki nicht allzu ernst nehmen sollte. Und dass die Manager des Mitmachfonds mit einer anderen Marketingstrategie vielleicht besser beraten wären.

Aber das ist nur meine Meinung. Das Buch war ja wohl komischerweise ein ziemlicher Erfolg. Und so viele Leser können ja nicht irren. Oder?

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