Ein ETF auf den MSCI All Countries World? Eher nicht...
Nachfrage bei ETF-Anbietern: offenbar kein Interesse an einem ETF, der wirklich die ganze Welt der Aktien abbildet.
Das Thema kocht immer wieder mal hoch, auch hier, in diesem Blog: Wie schafft man es, mithilfe von ETFs möglichst einfach die Aktienmärkte der gesamten Welt im eigenen kleinen Wertpapierdepot abzubilden? Beste Lösung bisher: die Kombination eines ETF auf den MSCI World mit einem ETF auf den MSCI Emerging Markets, zu besichtigen zum Beispiel in meinem Musterdepot mit nur drei ETFs (ein Anleihen-ETF ist da auch noch drin). Dabei ginge es theoretisch noch einfacher. MSCI Barra hat nämlich auch einen Index im Angebot, der die Aktienmärkte der entwickelten Länder im MSCI World und der Schwellenländer im MSCI Emerging Markets vereint: den MSCI All Countries World Index (kurz: MSCI ACWI). Warum gibt es in Deutschland eigentlich keinen ETF, der diesen Index abbildet? Ich habe nachgefragt.
Angeschrieben habe ich vier der größten ETF-Anbieter. Immerhin drei haben geantwortet: iShares, DB X-Trackers und Comstage. Fazit: Entweder hat wirklich keiner Interesse an der Einführung eines solchen ETF. Oder Lyxor hat deshalb nicht geantwortet, weil im Geheimen bereits daran gearbeitet wird.
Die verschiedenen Begründungen gebe ich hier wieder und kommentiere sie auch direkt, denn interessant sind sie allemal.
IShares: keine Nachfrage nach einem MSCI-ACWI-ETF, keine Pläne für die Einführung
Blackrock-Sprecher Marc Bubeck hat auf meine Frage folgendermaßen geantwortet: "Nach unserer Erfahrung setzen die meisten Investoren hierzulande derzeit noch stärker auf eine flexible Kombination von ,developed' (also MSCI World) und ,emerging' (also MSCI Emerging Markets). Die Nachfrage nach einem ETF auf den ACWI ist dementsprechend verhalten. Wir planen daher auf absehbare Zeit kein Produkt auf diesen Index."
Ich gebe zu: Daran, dass tatsächlich keine Nachfrage existieren könnte, hatte ich aus meiner beschränkten Kleinanleger-Sicht heraus nicht gedacht. Wenn man aber berücksichtigt, dass institutionelle Investoren natürlich nach wie vor die mit Abstand wichtigsten Käufer von ETFs sind, ergibt das Sinn. Diesen Investoren stehen schließlich Summen zur Verfügung, angesichts derer der Vorteil geringerer Transaktionskosten beim Kauf nur eines einzigen ETF nicht ins Gewicht fällt. Da dürfte die größere Flexilität ein deutlich gewichtigeres Argument sein.
Zusatzinfo von Marc Bubeck: Nur zehn Prozent der in Europa in ETFs investierten Gelder stammen nach Blackrock-Schätzungen von Privatanlegern. In den USA ist das offenbar anders - denn dort gibt es einen MSCI-ACWI-ETF von iShares.
Comstage: zu wenig Flexibilität, zu viele Schwierigkeiten bei der Abbildung der Märkte
Comstage-Geschäftsführer Thomas Meyer zu Drewer hat mir selbst geantwortet. Seine Begründung, ebenfalls fast ungekürzt:
In der Tat gibt es auch unserer Kenntnis nach keinen ETF auf den MSCI World All Countries (AC) Index. Dafür gibt es bzw. gab es in der Vergangenheit 2 wesentliche Gründe:
- "Eine Anlage in einen Index, der die ganze Welt abbildet, erscheint zunächst reizvoll. Allerdings führt das dahinter stehende Konzept der Marktkapitalisierung im Zeitablauf gegebenenfalls zu einer unerwünschten Risikoerhöhung für die meisten Anleger, da sich der Anteil an Emerging Markets deutlich ausweiten kann. Zudem wünschen die meisten Anleger gerade bei Emerging Markets eine individuelle Auswahl bzw. Gewichtung. Für den Langfristanleger ist statt eines MSCI World AC Index Investments via ETF vermutlich eine flexiblere Asset Allocation Lösung geeigneter, die auf die individuelle Risikoneigung eingeht oder eine individuelle Adjustierung erlaubt.
- Zugang zu Märkten bzw Aktien: Teilweise sind die Werte im Index fuer Ausländer nicht uneingeschränkt zugänglich, was eine Nachbildung stark einschränken kann."
Das erste Argument ist annähernd deckungsgleich mit dem von iShares genannten. Der zusätzliche Hinweis, dass der Schwellenländer-Anteil unkontrolliert zu- oder auch abnehmen kann, ist natürlich richtig. Wer einen solchen Index kauft, hat automatisch ein komplett nach Marktkapitalisierung gewichtetes Portfolio. Die Frage, ob das tatsächlich nachteilig ist, ist ja schon oft, ausführlich und tiefschürfend diskutiert worden.
Inwieweit das zweite Argument tatsächlich eine Rolle spielt, kann ich nicht beurteilen. Immerhin scheint es ja in den USA mit der Nachbildung des Index zu klappen (wie gut und zu welchen Kosten weiß ich allerdings nicht).
DB X-Trackers: nichts Neues
Nichts wirklich Neues ergab die Nachfrage bei DB X-Trackers: "Der MSCI All Countriees World Index setzt sich aus dem MSCI World Index (LU0274208692) und dem MSCI Emerging Markets Index (LU0292107645) zusammen. Momentan planen wir keinen ETF auf den MSCI ACWI Index. Der Grund dafür basiert nicht auf technischen oder regulatorischen Schwierigkeiten, da die beiden Bestandteile schon als ETFs bei db X-trackers angeboten werden. Der Grund liegt eher darin, dass Investoren, die gerne in diesem Index investieren würden, dies über die Kombination der oben erwähnten ETFs machen können."
Also: weder neue Argumente noch ein neuer ETF, der armen Kleinanlegern weiterhelfen würde. Schade eigentlich. In dieser Woche sind wieder so viele komische neue ETFs auf den Markt gekommen (Beispiel: einer, der die inverse Wertentwicklung des FTSE MIB Index abbildet) - man sollte meinen, dass es da irgendwo auch eine Nische für einen "die ganze Welt auf einen Schlag"-ETF gibt.
Zum Weiterlesen
- Kriterien zur Auswahl und zum Kauf eines ETF
- Rebalancing - wie oft ist sinnvoll?
- Neigt sich der Boom der ETFs dem Ende entgegen?
acht Kommentare
Sind bei den heutigen Preisen der Direktbanken denn noch signifikante Unterschiede zu verzeichnen zwischen dem Besparen bzw. der Einmalanlage in drei (einen Anleihen-ETF mitberücksichtigt) oder zwei ETFs?
Hallo Boll,
m. E. ist der entscheidende Unterschied zwischen “Investable Markets”-Indizes und den ACWI-Indizes, dass bei IMI auch die Frontier Markets abgedeckt werden, also diejenigen Länder, deren Kapitalmärkte zu klein/zu wenig entwickelt sind, um Aufnahme in die EM-Indizes zu finden. Ich schätze, dass die Nachbildung von Frontier-Markets noch deutlich schwieriger ist als die von Emerging Markets und gleichzeitig der Effekt auf ein Portfolio eher vernachlässigbar ist. Deshalb bin ich erst mal für den ACWI-Index. Small Caps (nach Definition von MSCI Barra) sind in dem auch enthalten.
Und die Frage, ob Marktkapitalisierungs- oder BIP-Gewichtung für Privatanleger besser geeignet ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Am besten, man stellt beide Methoden zur Verfügung. Ein klassischer Index ist aber nach Marktkapitalisierung gewichtet und kommt damit einer Abbildung der tatsächlichen Verhältnisse an den Finanzmärkten auch näher als einer, der nach BIP gewichtet ist.
Niels: Ich denke nicht, dass die Unterschiede groß sind, was die Kosten angeht. Das Depot wird halt einfacher, man muss sich weniger Gedanken machen, Rebalancing wird einfacher (zugegeben: innerhalb des Aktienteils hat man kein Rebalancing, wenn man auf einen marktkapitalisierungsgewichteten Index setzt), und es fallen unter Umständen seltener Steuern an (zugegeben: gerade für richtig kleine Depots normalerweise kein Thema). Ich denke, wenn man wirklich nur 2.000 bis 5.000 Euro in den Aktienmarkt investieren will, ist es schon anstrengend, dafür zwei ETFs kaufen zu müssen.
Hallo Holger,
habe gerade zwei neue ETFs von SPDR entdeckt, welche die folgenden Indizes abbilden: MSCI ACWI (TER 0,50%) und MSCI ACWI IMI (TER 0,55%).
Hier die Links:
ACWI: http://www.spdrseurope.com/product/fund...
Irgenwas scheint mit meinem Post nicht geklappt zu haben.
Also neue ETFs auf den MSCI ACWI (TER 0,50%) und den MSCI ACWI IMI (TER 0,55%). Beide von SPDR; Ausflagedatum ist der 16.05.2011.
Hi Boll,
danke für den Hinweis – ich habe gestern eine Pressemitteilung dazu gelesen, aber leider nur die Überschrift, in der irgendwas von 8 neuen ETFs stand. Ich werde mir die neuen ETFs die Tage mal genauer anschauen. Erst mal erfreulich, dass es die jetzt gibt. :)
Viele Grüße
Holger
Siehe auch hier:
http://www.test.de/ETF-Boersengehandelte-Indexfonds-Die-ganze-Welt-im-MSCI-All-Countries-World-4366169-4366171/
Liebe Grüße,
Johannes








Hallo,
aus meiner Sicht wäre ein anderer Index für Privatanleger geeigneter. Nämlich der MSCI ACWI IMI GDP, also der nach dem Bruttoinlandsprodukt gewichtete All Country World Index, der den Investible Market (d.h. inkl. Small Caps) abdeckt.
Dazu hatte ich auch kürzlich eine Anfrage bei ETFLab gestartet. Antwort: “…herzlichen Dank für Ihren Input zur Entwicklung neuer ETFs, jedoch sind mittel- bis langfristig ETFs dieser Art nicht vorgesehen. Wir nehmen diese Vorschläge aber gerne in unsere Produktplanung mit auf.”
Der in den USA erhältliche ishares ETF auf den MSCI ACWI hat eine “Total Annual Fund Operating Expenses Rate” von 0,35%. Link: http://us.ishares.com/product_info/fund/..