Aktiendepot - wie viel Liquidität ist sinnvoll?
Fragen an Google, Antworten von mir: Warum Tagesgeld und Co. keinen Platz im Langfristdepot haben.
"aktiendepot wie viel liquidität ist sinnvoll" - über diese Keywords ist vor einigen Tagen ein Googler auf dieses Blog gestoßen. Eine befriedigende Antwort dürfte er auf seine Frage nicht bekommen haben. Schließlich war so etwas wie eine Liquiditätsquote für Langfristdepots hier noch nie Thema. Das hat einen ziemlich simplen Grund: Ich denke, die einzig empfehlenswerte Liquiditätsquote liegt bei 0 Prozent.
Liquidität - unter diesen Begriff fallen für mich sichere, jederzeit oder zumindest schnell verfügbare "Aufbewahrungsmöglichkeiten" für Geld: der Sparstrumpf, das Girokonto, ein Tagesgeldkonto, die Tagesanleihe des Bundes, ein Geldmarktfonds. All diese Möglichkeiten haben drei Dinge gemeinsam (wenigstens in der Theorie): schnelle Verfügbarkeit, Sicherheit und niedrige Renditen.
Liquidität vorzuhalten, lohnt sich eigentlich nie
Womit wir beim Thema wären: Aktien (oder auch länger laufende Anleihen) haben eine höhere Rendite-Erwartung als die praktisch risikolosen Liquiditäts-Anlagen. Und zwar immer. Deshalb lohnt es sich nie, Geld aufzubewahren, um es "später" doch noch in den Aktienmarkt zu investieren.
Das gilt natürlich nur unter einer Voraussetzung: Die weltweiten Finanzmärkte sind einigermaßen effizient und klüger als wir Normal-Anleger. Wir können also nicht oder zumindest nicht mit hinreichender Sicherheit erkennen, wann eine Hausse bevorsteht und wann eine schlechte Börsenphase droht.
Ob das tatsächlich so ist - darüber kann man trefflich streiten. Es gibt aber eine Reihe von Studien, die diesen Standpunkt sehr vernünftig erscheinen lassen. Und natürlich den legendären Spruch von John Bogle, dem Gründer des Indexfonds-Anbieters Vanguard:
"After nearly fifty years in this business, I do not know of anybody who has done it successfully and consistently. I don't even know anybody who knows anybody who has done it successfully and consistently."
Es dürfte für die große Mehrheit der Privatanleger besser sein, John Bogle einfach zu glauben. Wer will, kann aber natürlich auch eine Liquiditätsreserve vorhalten und seine Market-Timing-Fähigkeiten austesten. Ich wünsche viel Glück.
Eine Liquiditätsreserve sollte trotzdem jeder haben
Dennoch sollte jeder ständig eine gewisse Menge an Liquidität vorhalten - beispielsweise auf dem Tagesgeldkonto. Das hat aber nichts mit langfristiger Geldanlage oder Market Timing zu tun. Es ist schlicht eine Absicherung gegen unvorhergesehene größere Ausgaben. Als Faustregel wird normalerweise empfohlen, mindestens drei Netto-Monatsgehälter ständig verfügbar zu haben. Damit sollte man sogar gegen den Totalschaden des eigenen Wagens gut gewappnet sein.
Zum Weiterlesen
- Tagesanleihe: weniger als 1 Prozent Zinsen
- Dumm gelaufen, DWS
- Die Kontroverse um das ETF-Musterdepot
sieben Kommentare
Die Frage nach Liquidität wird hier (für mich überraschenderweise) nur mit Market Timing und Rendite verknüpft. Für mich ist die Frage, wieviel Geld man den auf dem Tagesgeldkonto (oder vergleichbare Anlagen)lässt vor allem die des persönlichen Risikoprofils. Ihr Artikel ergibt den Eindruck, als empfehlen Sie alles -bis auf den “Notgroschen” von 3 Monatsgehältern – ins Depot zu investieren. Das kann man ohne den Hinweis, dass das eine hochrisikoreiche Anlagestrategie darstellt,nicht stehen lassen. Nur für die wenigsten Menschen ist eine von 80-99% in riskoreiche Anlagen empfehlenswert. Zuerst sollte man sich also die Frage stellen, wieviel % des eigenen Vermögens man “sicher” anlegen will und welche Anteil in riskantere Anlagen mit Ausfallrisiko investiert werden soll. Die Antwort auf diese Frage ist natürlich hochindividuell.
Vielen Dank für Ihre Kommentare. Sie stellen in der Tat einige wichtige Dinge klar. Dieser Artikel war wohl eher gut gemeint als gut gemacht…
Ich denke, ein Fehler liegt darin, dass ich von einer schon nicht besonders gut gestellten (Google-Suchan-)Frage ausgegangen bin. Die lässt es in der Tat so erscheinen, als sei das Risikoprofil des Anlegers bereits festgelegt – auf 100 Prozent Aktien.
Ich habe zwar im Text auch “länger laufende Anleihen” erwähnt, aber das ging wohl unter. Mir geht es letztlich einfach darum: Wenn man langfristig anlegen will, sollte man das einfach direkt tun – egal, ob man sein Geld zu 90 Prozent in Aktien oder zu 90 Prozent in Anleihen oder Sparbriefe stecken möchte.
Es ist richtig, dass der Aktienmarkt keinen höheren Ertrag als Tagesgeld garantiert – es ist aber theoretisch oder meinetwegen auch aus Vergangenheitsdaten ableitbar, dass Aktien einen höheren Erwartungswert haben. Dass dieser höhere Erwartungswert nicht in allen Fällen auch realisiert wird, widerspricht dem nicht. Beim Poker hat ein Paar Asse, das man zu Beginn des Spiels erhält, auch einen höheren Erwartungswert als ein Paar Zweien. Dennoch schneiden die Zweien gelegentlich besser ab.
Unabhängig davon, halte ich persönlich es nicht für klug, das komplette Vermögen bei einem durchaus recht langen Anlagehorizont von 15 Jahren in Tagesgeld zu stecken. Das bedeutet einen völligen Verzicht auf Diversifikation und ein recht hohes Risiko, dass man dauerhaft eine negative Real-Rendite vor Steuern einfährt. Wenig verlockend. Aber wenn jemand nie irgendwelche Kursschwankungen haben will, muss man ihn wohl dahin gehend beraten.
Zu den anderen genannten Strategien: Wer antizyklisch investieren oder mit Value Investing den Markt schlagen will, der braucht wohl eine Liquditätsreserve. Das habe ich nicht bestritten. Wer versucht, auf diese Weise den Markt zu schlagen, dürfte aber auch nicht davon ausgehen, dass Märkte effizient sind – siehe oben.
Risikostreuung oder Diversifikation ist dann notwendig, wenn man in Anlageformen investiert, die mit Risiken verbunden sind. Hat man eine Anlageform, die weitgehend risikofrei ist, so braucht man keine Risikodiversifikation.
Tagesgeld ist die Anlageform mit dem mit Abstand am geringsten Risiko. Achtet man darauf, dass die Einlagen durch den Einlagensicherungsfonds gesichert sind, so ist Tagesgeld sehr, sehr, sehr risikolos. Man kann natürlich darüber diskutieren, was passiert, wenn das gesamte Finanzsystem zusammenbricht und der Einlagensicherungsfonds plus Staat selbst zahlungsunfähig wird. Aber lässt man dieses Extremszenario einmal außen vor, so ist Tagesgeld die mit großem Abstand sicherste Geldanlage. Inosfern ist mir nicht klar, inwiefern hier eine Diversifikation notwendig sein sollte.
Ferner schreiben Sie: “Wer antizyklisch investieren oder mit Value Investing den Markt schlagen will, der braucht wohl eine Liquditätsreserve. Das habe ich nicht bestritten. Wer versucht, auf diese Weise den Markt zu schlagen, dürfte aber auch nicht davon ausgehen, dass Märkte effizient sind – siehe oben”.
Sorry, aber auch das ist ein Missverständnis. Bei einer Liquiditätsposition geht es nicht darum, den Markt zu schlagen, sondern es geht um grundlegendes Risikomanagement. Liquidität, so wie sie beispielsweise von Benjamin Graham oder David Swensen verstanden wird, hat strategische Bedeutung, und keine taktische.
Aus meiner Sicht ist es sowieso ein krasser Anlagefehler, zum 100% in Aktien zu gehen. Ich kann nur jedem davor abraten.
Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass Liquidität so verpönt ist. Und natürlich kann man über 15 Jahre in Tagesgeld gehen, wenn genau dadurch ein definiertes Anlageziel erreicht werden kann. Warum denn nicht?
Im Dezember 2007 (also vor der Finanzkrise) wurde ich einmal vom Manager Magazin gefragt, wie ich einen Lotto-Millionär beraten würde, der 43 Mio Euro gewinnt (Das war damals im Lotto-Checkpot). Ich rechnete dem MM damals vor, dass ein solcher Lotto-Gewinner nach Abzug der Steuern damals 70.000 Euro monatlich bekommen könnte, sofern er das Geld ganz simpel in Tagesgeld anlegen würde (nach damaligen Zinsniveau). Ich für meinen Teil, könnte davon sehr gut leben.
Aus welchem Grund “muss” ein Gewinner von 43 Mio Euro in etwas anderes als Liquidität anlegen? Damit der Vermögensverwalter reich wird?
Das Manager Magazin befragte damals auch andere Vermögensverwalter, die sich dann abmühten mit komplizierten Anlagevorschlägen. Aktienquote und dies und jenes. Und wie gesagt, das war im Dezember 2007.
Man kann sich heute mal überlegen, mit welchem Anlagevorschlag der Lotto-Gewinner am besten gefahren wäre. Ich schätze mal, dass er mit meinem Anlagevorschlag erstens immer gut schlafen konnte und bis heute mehr Vermögen hat als mit diesen komplzierten, risikobehafteten Anlagevorschlägen.
Das Entscheidende damals allerdings war: Ich habe ja natürlich nicht gewusst, dass die Finanzkrise kommt. Es war die einfache Überlegung, dass ein unnötiges Risiko zu vermeiden ist. Und unnötig ist ein Risiko dann, wenn ich meine Anlageziele auch ohne oder mit viel geringeren Risiken erreichen kann.
Die Einstellung, “das Meiste aus seinem Vermögen herausholen zu wollen”, auch dann wenn man es eigentlich gar nicht braucht, ist bei der Geldanlage fatal. Und zu viele Anleger handeln danach, ohne sich zwei ganz einfache Fragen zu stellen:
1. Was genau ist mein Anlageziel?
2. Kann ich dieses Anlageziel womöglich ganz einfach mit Tagesgeld erreichen?
Wer sich über die erste Frage hinreichend Gedanken macht und daraufin die zweite Frage mit Ja beantwortet, ist sehr schlau, wenn er einen Großteil seines Geldes (oder sogar alles) in Festgeld/Tagesgeld anlegt.
Und da gibt es bemerkenswert viele Leute, bei denen das zutrifft. Wer aber eine höhere Rendite benötigt, um seine Anlageziele zu erreichen, ja so jemand sollte natürlich mit mehr Risiko anlegen. Aber pauschal zu sagen: “Liquidität ist immer falsch”, sorry, das ist vollkommen unzutreffenend. Geradezu fatal unzutreffend.
Hallo Herr Peterreins,
vielen Dank auch an Sie für die vielen sinnvollen Beiträge.
Ich glaube, wir sind uns einig, daß die Überschrift des Artikels nicht besonders gut gewählt war; das Wort Aktie hätte nicht drin vorkommen sollen. Vielmehr hätte man einfach allgemein von “Depot” reden sollen. Und dort haben sichere Anlagen selbstverständlich Ihren Platz.
Was mich bei Ihren Äußerungen sehr wundert, ist, daß Sie von Tagesgeld reden. Wenn ich für die langfristige Anlage Sicherheit suche, wäre ich mit Fest- und Termingeld doch viel besser beraten, weil ich das Zinsänderungsrisko (bei bekanntem Zieltermin!) ja gerade dadurch ausschließe, daß ich mich festlege. Bei Tagesgeld kann ich nicht vorhersehen, wieviel Zinsen ich in ein paar Wochen noch bekomme, und wenn ich mein Anlageziel mit Festgeld erreiche, würde ich Tagesgeld sogar als ein Risko ansehen.
Fürs Rebalancing, z. B. in festen Intervallen, bietet es sich zum Beispiel an, die Termingelder auf den Rebalancing-Termin hin zu optimieren (so man denn per Termin rebalancen will).
Anders sieht es natürlich bei der Notfallreserve aus. Diese muss Liquide sein. Ich würde sie aber auch immer getrennt vom Depot betrachten. Und in diesem Artikel ging es ja ums Depot.
Zustimmung?
Viele Grüße,
sparFuxx
Sehr geehrter SparFuxx
bei festverzinslichen Geldanlagen (z.B. Anleihen, Festgeld oder Tagesgeld) gilt die Regel: Je länger ich mich binde, um so riskanter.
Warum? Weil dann das sog. Zinsänderungs- und auch das Inflationsrisiko besteht. Nehmen wir an, jemand kauft eine Anleihe mit einer Restlaufzeit von 5 Jahren. Den Coupon, den er dafür bekommt ist (sagen wir) 4%. Auf diese 4% ist der Anleger über die nächsten 5 Jahre fixiert. Wenn aber die Zinsen stark ansteigen, beispielsweise auf 6% fürs Tagegeld, dann hat der Anleger eine schlechte Wahl getroffen. Oder aber die Inflation steigt innerhalb der nächsten 5 Jahre auf 5% p.a., dann wird der Coupon nicht einmal die Geldentwertung ausgleichen. Der Anleger wird also real Verluste erleiden.
So beispielsweise geschehen mit Anlegern, die Anfang der 1970er-Jahre Bundesanleihen gekauft haben. Ende der 1970er-Jahre war die Inflation so hoch, dass solche Anleger real (also nach Berücksichtigung der Inflation) herbe Verluste erleiden mussten. Wer damals aber in DM-Tagesgeld sein Geld angelegt hat, hat solche Verluste nicht erlitten, denn mit dem Anstieg der Inflatin zogen auch die Tagesgeldzinsen an.
so um 1980 herum lag die DM-Inflation etwa bei 9%, und die DM-Tagesgeldzinsen bei etwa 10%.
Der Anleger hat bei einer langen Zinsbindung nur dann einen Vorteil, wenn die Zinsen fallen. Wer also in langfristige Zinsanlagen Geld investiert, wettet letztlich auf gleichbleibende oder fallende Zinsen (bzw. gleichbleibende oder fallende Inflationsraten). Diese Wette ist mit mit dem Risiko verbunden, dass das Gegenteil eintritt, die Zinsen nämlich steigen werden.
Um dieses Risiko zu kompensieren, bekommt der Anleger (in der Regel) für längerlaufende Anleihen höhere Zinsen als für kürzer laufende Anleihen.
Den Unterschied zwischen Tagesgeld und 1 Monats-Festgeld halte ich für marginal. Aber selbst hier könnte sich (rein theoretisch) innerhalb von ein paar Tagen die Zinsstrukturkurve dramatisch nach oben verschieben, was Tagesgeld normalerweise mitmachen müsste. Mit Festgeld ist man aber eine Zeitlang fixiert. Daher ist 1 Monatsfestgeld geringfügig riskanter als Tagesgeld.
Hallo Herr Peterreins,
vielen Dank für Ihre Antwort. Ich stimme Ihnen selbstverständlich zu, daß mein Zinsänderungsrisiko grundsätzlich mit der Laufzeit meiner Anlage steigt – das steht außer Frage.
Ohne es explizit zu schreiben, habe ich mich bei meiner Antwort auf das von Ihnen selbst gewählte Beispiel bezogen, welches ich hier nochmal zitieren möchte: “Nehmen wir beispielsweise an, dass sich herausstellt, dass das Ziel des Anlegers wie folgt aussieht: Er braucht in 15 Jahren nominal ein Vermögen von 500.000 Euro, mehr wäre zwar auch nett aber nicht notwendig”.
Man kann nun sicherlich streiten, wie sinnvoll dieses Ziel sein mag, aber wenn man es als gegeben annimmt und es mit Festgeld erreichbar ist, dann wäre Tagesgeld ein Risiko, weil ich das Ziel mit Tagesgeld bei fallenden Zinsen möglicherweise nicht mehr erreiche.
Der Effekt, daß im Szenario steigender Zinsen & Inflation die 500.000 Euro nicht mehr die ursprünglich angenommene Kaufkraft haben werden, bleibt davon natürlich unberührt. Da sind wir dann wieder bei der Frage der Sinnhaftigkeit des Ziels.
Viele Grüße,
sparFuxx








Lieber Herr Handstein,
Sie schreiben:
“Aktien (oder auch länger laufende Anleihen) haben eine höhere Rendite-Erwartung als die praktisch risikolosen Liquiditäts-Anlagen. Und zwar immer. Deshalb lohnt es sich nie, Geld aufzubewahren, um es ‘später’ doch noch in den Aktienmarkt zu investieren.”
Ich bin hier komplett anderer Meinung.
Es ist richtig, dass Aktien eine höhere Renditeerwartung haben als Tagesgeld. Oder anders formuliert: Leute investieren deswegen in Aktien, weil sie sich davon eine höhere Rendite erwarten (erwünschen) als mit Tagesgeld. Sonst würden sie es nicht machen.
Diese Erwartung bzw. diser Wunsch nach höherer Rendite muss aber nicht immer aufgehen (genausowenig wie sich jeder Weihnachtswunsch eines Kindes tatsächlich realisisert). Zumal die höhere Renditeerwartung bei Aktien mit einem entsprechend hohen Risiko einhergeht. Und Risiko bedeutet: dass auch möglicherweise am Ende Verluste herauskommen – bis hin zum Totalverlust. Deswegen, weil der Anleger bereit ist, eventuell Verluste in Kauf zu nehmen (bei Tagesgeld aber nicht), kann er bei Aktien eine höhere Rendite erwarten.
Diese höhere (erwünschte) Rendite ist aber eben gerade nicht garantiert. Noch nicht einmal auf lange Sicht. Wenn man Pech hat investiert man heute in solche Aktien, die über 30 Jahre nur Verluste machen. Da gilt selbst für Aktienindizes, siehe z.B. den Nikkei oder den Nemax.
Genau deswegen stimme ich auch nicht mit Ihnen überein, wenn Sie schreiben, Aktien würden sich immer lohnen. Historisch lässt sich das bestens widerlegen. Aber auch insgesamt bei der Geldanlage ist diese Aussage nicht richtig.
Was hier nämlich komplett außer Acht gelassen wird, sind die Anlageziele des Anlegers. Nehmen wir an ein Anleger kommt zu mir und sagt, dass er jetzt 435.000 Euro anzulegen hat. Jetzt könnte ich ihm ohne weiteres ein gut strukturiertes ETF-Portfolio vorschlagen mit einer Zielrendite, die deutlich über Tagesgeld liegt.
Wenn ich aber nicht weiß, zu welchem letztendlichen Zweck er sein Geld anlegen will, wäre dieser Anlagevorschlag sogar ein Beratungsfehler. Nehmen wir beispielsweise an, dass sich herausstellt, dass das Ziel des Anlegers wie folgt aussieht: Er braucht in 15 Jahren nominal ein Vermögen von 500.000 Euro, mehr wäre zwar auch nett aber nicht notwendig.
Nun könnte der Anleger seine 435.000 Euro einfach zu 1% anlegen, so dass er nach 15 Jahren über 500.000 Euro hat. Aus welchem Grund sollte ein solcher Anleger in Aktien investieren? Für diesen Anleger stimmt die Aussage nicht “Aktien sind immer besser”. Für diesen Anleger ist es umgekehrt. Mit Aktien könnte er es gut schaffen, sein gesetztes Anlageziel zu verfehlen. Mit Tagesgeld ist das so gut wie unmöglich.
Noch ein Einsand. Für viele Anlagestrategien ist Liquidität strategisch wichtig. Wenn man beispielsweise konsequent antizyklisch investieren will, so wie es beispielsweise David F. Swensen propagiert. Wenn man hier keine Liquiditätsreserve hat, dann funktioniert das antizyklische Investieren gar nicht. Der Sinn der Liquidität besteht dann darin, dass -falls die Aktienmärkte einbrechen – der Anleger Reserven hat, um auf niedrigem Niveau nachzukaufen. Und umgekehrt, falls die Atkienmärkte boomen sukzessive Gewinne zu realisieren. Wenn ich mir Wertpapierdepots von Privatanlegern ansehe, dann ist die fehlende Liquidität ein sehr häufiger Fehler.
Man erinnere sich: Als die Finanzkrise tobte, investierte Warren Buffet Milliarden in Banken. Bemerkenswert daran ist erstens, dass er damals so mutig war, antizyklisch zu handeln. Zweitens aber war bemerkenswert, dass er damals überhaupt die Liquidität dazu hatte, gerade jetzt Milliarden zu investieren. Da sieht man mustergültig, wie strategisch wichtig eine Liquiditätsreserve ist.
Ferner schreiben Sie: “Dennoch sollte jeder ständig eine gewisse Menge an Liquidität vorhalten – beispielsweise auf dem Tagesgeldkonto. Das hat aber nichts mit langfristiger Geldanlage oder Market Timing zu tun. Es ist schlicht eine Absicherung gegen unvorhergesehene größere Ausgaben.”
Paradoxerweise kann ich selbst dem – so allgemein formuliert – nicht zustimmen. Die Höhe der notwendigen Liquiditätsreserve für eine Privatperson kann sehr unterschiedlich sein. Besipielsweise braucht ein Selbständige mit schwankenen Einkommen eine deutlich höhere Liquiditätsreserve als ein Angestellter mit einem fixierten Einkommen. Wer ein gut geregeltes, sicheres Gehalt hat, von dem er/sie monatlich mehr als genug leben kann, braucht möglicherweise sogar gar keine Liquiditätsreserve.
Wie fast immer im Geldanlagebereich, muss man mit pauschalen Verallgemeinerungen sehr aufpassen. Generalisierungen sind hier fast immer falsch. Vielmehr muss man fast immer genau auf den Einzelfall eingehen.