Eine Warnung vor Internet-IPOs

Das Schweizer Analysehaus MyPrivateBanking über die Parallelen zwischen Börsengängen heute und vor einem Jahrzehnt

Droht an der Börse die nächste Internet-Blase?Auch wenn es in den vergangenen Wochen etwas ruhiger zuging: IPOs (Initial Public Offerings, also Börsengänge) von Internet-Unternehmen sind wieder in. Heute erst hat Handelsblatt.com in einem Artikel die Vorzüge der "neuen Anlageklasse" gepriesen. Unter den Wachstums-Unternehmen, die in den vergangenen Monaten den Weg an die Börse suchten waren (inzwischen) prominente Namen wie der russische Suchmaschinenbetreiber Yandex, das chinesische Social Network Renren und das US-Business-Netzwerk LinkedIn, aber auch kleinere Firmen wie die Dating-Website Friend Finder.

Die IPOs waren durchaus unterschiedlich erfolgreich. Während die Friend-Finder-Aktie dem Schweizer Analysehaus MyPrivateBanking zufolge am ersten Handelstag direkt 22 Prozent verlor, schossen Yandex (+55 Prozent) oder LinkedIn (zwischenzeitlich mehr als 100 Prozent im Plus) regelrecht in die Höhe. Angesichts der zeitweise aufkeimenden Euphorie fühlten viele Beobachter sich bereits wieder an die Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende erinnert - auch wenn ein Experte wie der Stuttgarter Professor Harald Eichsteller sagt: "Die Bewertung von Web-2.0-Unternehmen ist heute sehr rational.“

Steffen Binder hegt da so seine Zweifel. Beim Research Direktor von MyPrivateBanking weckt der Mini-Boom eher unangenehme Assoziationen. „Börsengänge von weitgehend unbekannten Unternehmen, mit im Verhältnis zu ihren Umsätzen und Gewinnen schwindelerregenden Bewertungen, spielten eine zentrale Rolle für den irrationalen Überschwang der dot-com-Blase“, erklärte er in einer Pressemitteilung. „Mit Blick auf die Bilanzen der jüngsten Börsengänge von sozialen Netzwerken und chinesischen Internetunternehmen sehen wir eine Vielzahl von Parallelen, die einen Anleger warnen sollten.“

Um die Argumentation zu untermauern, verglichen die MyPrivateBanking-Experten zehn prominente Tech-IPOs aus der letzten Blase mit den Börsengängen von heute. Und stellten fest: Anleger erlitten dabei heftige Verluste. Und: Die wichtigsten damals aktiven Investmentbanken von Goldman Sachs über Credit Suisse bis hin zur Deutschen Bank sind auch heute wieder eifrig dabei, wenn es darum geht, Anlegern die Internetbuden schmackhaft zu machen.

Die Top 10 erfolgloser Internet-Börsengänge

Ein Blick auf die früheren „Erfolge“ der Big Players ist allerdings wenig erfreulich: MyPrivateBanking hat eine Top 10 erfolgloser Tech-IPOs zusammengestellt. Dazu gehören etwa:

  • TheGlobe.com: Die Social-Media-Website feierte 1998 ihr Börsendebüt, zum Preis von 9 US-Dollar je Aktie. Am Ende des Tages kostete eine Aktie 65 Dollar. Inzwischen allerdings haben Anleger, die beim Börsengang dabei waren, MyPrivateBanking zufolge 99 Prozent ihres Investments verloren – etwaige Dividenden nicht eingerechnet.
  • Pets.com: Das Online-Tiergeschäft wurde im Jahr 2000 als letzter Börsengang vor dem Platzen der großen Blase bekannt. Schon im November des gleichen Jahres war der Laden insolvent.
  • Barnesandnoble.com: Der Online-Buchhändler bot seine Aktien 1999 für 18 Dollar an. 2004 nahm Mutterkonzern Barnes & Noble das Unternehmen wieder von der Börse – und zahlte den verbliebenen Aktionären 3 Dollar je Aktie.
  • Die Deutsche Telekom: Auch die deutsche „Volksaktie“ taucht in der Liste auf. Auch sie brachte Anlegern heftige Verluste ein – vor allem denjenigen, die bei der dritten Aktientranche zugriffen und zu 66,50 Euro je Aktie kauften. Inzwischen notiert das Papier bei knapp 11 Euro. Allerdings wurden zwischendurch ziemlich hohe Dividenden ausgeschüttet.

Kurz: Die von MyPrivateBanking zusammengestellte Top 10 erscheint etwas beliebig - schließlich gab es damals eine Menge „High‐Profile, Value‐Losing Dot‐Com IPOs“. Dennoch kann Vorsicht bestimmt nicht schaden – nicht nur bei Internet-Börsengängen.

Checkliste für Anleger, die bei IPOs Aktien zeichnen wollen

Die Experten von MyPrivateBanking raten Anlegern deshalb dazu, eine Art Checkliste abzuarbeiten, wenn sie das Angebot erhalten, an einem IPO teilzunehmen (oder für uns nicht ganz so reiche Kleinanleger: darüber nachdenken, Aktien zu zeichnen):

  • Ist das Geschäftsmodell lebensfähig und nachhaltig?
  • Lassen sich die Umsätze nachvollziehen, gibt es nachhaltige Gewinne?
  • Ist das Management vertrauenswürdig?
  • Wird das Geld aus dem IPO ins Unternehmen investiert, oder finanziert es nur den Ausstieg der Gründer und frühen Investoren?
  • Wie viele Aktien werden öffentlich angeboten, wie viele verbleiben bei den Gründern und ursprünglichen Investoren?
  • Ist der öffentlich angebotene Anteil der Aktien im Vergleich zum Gesamtkapital womöglich so gering, dass die Kurse dadurch kurzfristig künstlich gepusht werden?
  • Wie haben sich frühere von den beteiligten Banken betreute Börsengänge geschlagen?

Insgesamt sicher ganz brauchbar, auch wenn ich es nach wie vor mit Benjamin Graham halte, der einfach komplett davon abgehalten hat, bei IPOs Aktien zu erwerben.

(Foto: Grzesiek Meduna)

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zwei Kommentare

Mein Portfolio

Dem kann ich nur zustimmen. Selbst in der aller ersten Reihen, ich nenne nur einmal Facebook, ist Vorsicht angesagt. Viele dieser Unternehmen haben kein dauerhaft tragfähiges Geschäftsmodell. Selbst bei Facebook muss sich erst noch zeigen, was die so drauf haben und ob sie damit dauerhaft Geld verdienen können, denn dies schaffen nur wenige. Und dann ist auch die Konkurrenz immer sehr schnell mit dabei, im Internet ist alles immer sehr schnelllebig…

Mein Portfolio, (URL) - 19-07-’11 17:50
Holger

Hallo Mein Portfolio,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Noch mehr hätte ich mich darüber gefreut, wenn Sie einen etwas weniger suchmaschinenoptimierten Nutzernamen gewählt hätten. ;-)

Was Sie schreiben, unterstütze ich, denke ich: Beim Blick aufs KGV von LinkedIn nach dem Börsengang ist mir schon schwindlig geworden, und bei auf lange Sicht fragwürdigen Geschäftsmodellen muss ich immer direkt an Groupon denken. Aber das sind nur subjektive Eindrücke – intensiver habe ich mich mit den Unternehmen und deren Aktien nicht befasst.

Viele Grüße

Holger, (URL) - 19-07-’11 19:56
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