Buchbesprechung: Odysseus und die Wiesel

Georg von Wallwitz ist ein kurzes, kurzweiliges und trotzdem fundiertes Buch über die Finanzmärkte gelungen.

Georg von Wallwitz hat sich viel vorgenommen mit seinem kleinen Buch „Odysseus und die Wiesel“. „Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte“ soll es sein. Literarisch gestimmten Lesern möchte von Wallwitz begreifbar machen, was die Entwicklung an der Börse antreibt, wie die Finanzmärkte funktionieren. Und jene, die jeden Tag mit den Märkten zu tun haben, möchte er für die Literatur begeistern. Weniger geht vermutlich auch nicht, wenn der Autor ein Fondsmanager, Mathematiker und Philosoph ist, der nach seiner Promotion in Princeton und bei der DWS gearbeitet hat.

Odysseus und die WieselDie Ambition des Autors tropft aus fast jeder Zeile von „Odysseus und die Wiesel“. Schon der Titel nimmt Bezug auf Homer, die Kapitelnamen lehnen sich an die Struktur griechischer Tragödien an, und jedem Abschnitt ist ein kluges Zitat vorangestellt – gerne auch mal auf Altgriechisch. Kurz: Wer das Buch zur Hand nimmt, sollte eine gewisse Affinität zum guten alten Bildungsbürgertum mitbringen. Und die Odyssee schon mal gelesen zu haben, schadet sicher auch nicht – schließlich stellt deren Held auch einen der Eckpfeiler in von Wallwitz' Interpretation der Finanzmärkte dar.

Odysseus als Ideal, Wiesel als Realität

Odysseus nämlich ist, so von Wallwitz, das Ideal des modernen Finanzmenschen, stets skeptisch, listig, einfallsreich, enorm erfahren – und im Wesentlichen frei von moralischen Bedenken, wenn es gilt, ein wichtiges Ziel zu erreichen.

Die Akteure an den Finanzmärkten, das ist die These des Autors, sollten sein wie Odysseus, wenn sie eine Chance haben wollen, das komplexe Geschehen an den Finanzmärkten zu durchschauen und erfolgreich an ihnen zu handeln. Doch sie sind allzu oft eher wie die Wiesel: Raubtiere zwar, aber ständig überfordert – und zu klein, um ernsthaft Beute zu machen. Über das Sprachbild mag man streiten. Schließlich zeichnet es ein unangemessen negatives Bild der niedlichen Wiesel, über die es bei Wikipedia heißt: „Sie sind geschickte, aggressive Jäger, die oft Beutetiere reißen, die so groß wie sie oder sogar größer sind.“ Aber sei's drum. Die Wiesel werden es verkraften.

Von Wallwitz führt mit Odysseus einerseits und den Wieseln andererseits jedenfalls zwei Pole ein, mithilfe derer er auf 151 Seiten seine Beschreibung der Finanzmärkte entfaltet.

Vom Holland des 17. Jahrhunderts bis zur Modernen Portfoliotheorie

Er beginnt im Holland des 17. Jahrhunderts, das durch eine wichtige Finanzinnovation ein goldenes Zeitalter erlebt und kommt nach einem kurzen Abstecher über John Laws katastrophal gescheitertes Papiergeld-Experiment in Frankreich auf unsere modernen Kapitalmärkte und die Versuche, sie zu erklären, zu sprechen. Dabei gelingt es ihm, auf elegante Weise erstaunlich viel Stoff zwischen die Buchdeckel zu packen. Die klassische ökonomische Theorie und Keynes kommen genauso vor wie Markowitz, Graham und die Behavioral Finance. Zwar sollte niemand eine ausführliche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Theorien erwarten, aber eine vergnügliche Einführung ist dem Autor tatsächlich gelungen. Außerdem hat er eine kommentierte Bibliographie ans Ende des Buches gestellt, die Anknüpfungspunkte zum Weiterlesen bietet.

Doch zurück zum Vergnügen: Im Verlauf der 151 Seiten bekommen so ziemlich alle Akteure ihr Fett weg. Die Händler, Fondsmanager und Landesbanken sowieso, aber auch die Privatanleger. Die erreichen bei von Wallwitz nämlich nicht mal Wiesel-Status. Sondern:

„Sie haben an der Börse etwa dasselbe Ansehen wie Plankton im Ozean. Ohne den Plankton können die kleinen Fische nicht leben und ohne die kleinen haben auch die großen nichts zu fressen. So gesehen hängt alles vom Plankton ab, und der Privatanleger ist die vielleicht wichtigste Geldquelle für die Finanzmärkte. Dennoch bekommt der Plankton nicht den Respekt, den er verdient. Er wird einfach nur undankbar und gnadenlos gefressen. Würden die großen Fische über den Plankton nachdenken, wären sie wahrscheinlich glücklich, dass es ihn gibt. Aber es denkt niemand über den Plankton nach.“

So weit, so schön. Doch von Wallwitz hat in „Odysseus und die Wiesel“ nicht nur Spott zu bieten. In einem praktischen Nachwort gibt er auch Hinweise darauf, was ein Investor tun kann, um ein erfolgreicher Investor zu werden (im Wesentlichen: mit Emotionen umgehen lernen und Erfahrung erwerben). Wissenschaftlich präzise ist das alles zwar nicht, sondern eher literarisch. Aber das passt wohl zu den Zielen und zum ganzen Rest des Buches. Es ist womöglich von begrenztem praktischen Nutzen, aber tatsächlich durchweg vergnüglich und originell. Und vor allem Letzteres ist ja eher selten, wenn es um Finanzen und die Börse geht.

Deshalb: Lesen lohnt sich. Wer mag, kann ja mit der Leseprobe auf der Website des Berenberg Verlages beginnen. Und ich werde dieser Tage mal wieder meine alte Reclam-Ausgabe der Odyssee hervorkramen.

Georg von Wallwitz: Odysseus und die Wiesel. Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte. Berenberg Verlag, 20 Euro.

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vier Kommentare

Frank

Odysseus war am cleversten im Krieg als er seine Freunde hat listigerweise sterben lassen um selbst zu überleben. In der Eingangsszene springt er auf ein Schild statt auf die Erde vor Troja weil der Prophezeiung nach der erste Mann der dort Fuß setzt sterben wird. Ein anderer sprang hinterher, landete auf der Erde und wurde getötet.
Es gibt bessere Vorbilder.

Frank, (URL) - 09-08-’11 21:33
Holger

Hallo Frank,

danke für Ihren Kommentar. Der Autor ist Odysseus gegenüber auch eher kritisch eingestellt – und hebt an einer Stelle sogar hervor, dass dieser keine einzige Primärtugend in besonderem Maße aufweist.

Aber dass er in hohem Maß rational handelt, lässt sich nicht bestreiten.

Viele Grüße

Holger, (URL) - 10-08-’11 08:06
Gerhard

Ein Interview mit dem Autor kann man hier nachlesen/-hören:
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/t..

Gerhard, - 16-08-’11 19:34
Holger

Cool, danke für den Tipp!

Viele Grüße

Holger, (URL) - 17-08-’11 22:18
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