"Geldanlage für Faule" - eine Buchbesprechung
Das neue Buch der Stiftung Warentest bleibt leider hinter seinen Möglichkeiten zurück
„Geldanlage für Faule“ - ein Buch mit diesem Titel musste ich einfach hier besprechen. Weil ich nicht nur den Buchtitel gut finde, sondern vor allem die dahinter stehende Idee. Wer keine Lust hat, sich ausgiebig mit Geldanlage zu beschäftigen, sollte trotzdem akzeptable Ergebnisse erzielen können – und benötigt Medien, die ihm vermitteln, wie das geht. Kurz: Als ich den Titel das erste Mal las, war ich leicht besorgt, die Stiftung Warentest hätte das Buch herausgegeben, das ich eigentlich selbst irgendwann mal schreiben wollte. Dem ist aber nicht so. Für mich persönlich mag das eine Erleichterung sein, für Anleger allgemein dagegen eher nicht: „Geldanlage für Faule“ (Bild anklicken für komplette Cover-Ansicht) bleibt leider deutlich hinter den Möglichkeiten zurück, die in der guten Idee stecken.
Vom Kassensturz bis zur Absicherung existenzbedrohender Risiken
Dabei beginnt das Buch vielversprechend – mit einer Einleitung unter der Überschrift „Geldanlagen leicht gemacht“ und der Versicherung, Anleger Schritt für Schritt zum Ziel zu führen. Dann schlägt Autorin Sina Groß – wenig originell, aber solide – den Bogen von der Bestandsaufnahme (Kassensturz) über die nötige Liquiditätsreserve bis hin zur Absicherung existenzbedrohender Risiken mit Haftpflicht-, Berufsunfähigkeits- und Risiko-Lebensversicherungen.
Es folgt der beste Teil des Buches: der lange Abschnitt „Welches Ziel habe ich?“. Dieser Teil ist deshalb so gut, weil er konsequent von den Bedürfnissen der Anleger ausgeht. Das ist schon in der persönlichen Beratung nicht selbstverständlich; in Büchern ist diese Vorgehensweise fast nie zu finden – und auch ziemlich schwierig umzusetzen. „Geldanlage für Faule“ allerdings meistert diese Herausforderung. Jeder findet schnell, was er braucht. Das Ziel „Ich will Geld flüssig haben für den Notfall“ wird genauso angesprochen wie „Ich will fürs Alter vorsorgen“ oder „Ich will von meinen Ersparnissen leben“. Innerhalb der einzelnen Kapitel gibt es farblich gekennzeichnete Verweise auf geeignete Produkte – die sind übersichtlich in einem separaten Teil des Buches untergebracht.
Idee gut, Aufbau gelungen
Die Idee von „Geldanlage für Faule“ ist also gut, der Aufbau sehr gelungen. Und trotzdem war das Buch für mich eine Enttäuschung. Das liegt zum einen daran, dass zwar viele Ziele vorkommen, aber keine echte Geldanlage-Strategie, die helfen kann, diese Ziele zu erreichen. Beispielkapitel „Ich will einfach mal sparen, ohne zu wissen, wofür“: Hier zählt die Autorin, immerhin geordnet nach verschieden langen Anlagehorizonten, im Wesentlichen verschiedene Produkte auf. Wer kurzfristig sparen will, sollte ein Tagesgeldkonto oder ein Sparkonto nehmen. Wer drei Jahre und mehr sparen will, kann vielleicht auch einen Banksparplan wählen. Wer sieben Jahre und mehr sparen will, sollte dem Buch zufolge einen Rendite-Bausparplan wählen, denn der bringe „derzeit“ die höheren Zinsen. Bundeswertpapiere kommen nicht vor – die sind „derzeit“ wohl zu unattraktiv. Und ein Festgeldkonto würde wohl zu viel gedanklichen Aufwand erfordern – schließlich müssten Anleger erst 1.000 oder 2.000 Euro ansparen, um dann vom Tagesgeld- aufs Festgeldkonto umzuschichten. Geschenkt.
„Interessant wird es“, schreibt die Autorin, bei Anlagehorizonten von zehn Jahren und mehr. Dann können Anleger nämlich auch in Fonds investieren. Sicherheitsbewusste sollten Frau Groß zufolge aber auch bei solchen Zeithorizonten auf Tagesgeldkonten oder Rendite-Bausparverträge setzen. Sie sind bereit, für eine höhere Rendite auch ein geringes Risiko in Kauf zu nehmen? Voilà: „Dann kommt für bequeme Sparer auch ein Sparplan auf Rentenindexfonds (ETF) infrage. Die Chancen auf Gewinn sind auf lange Sicht etwas höher als beim Rendite-Bausparen oder bei Tagesgeldkonten. Es kann zwar sein, dass der Fonds zwischendurch einmal ein Minus von wenigen Prozentpunkten macht. In der Regel holt er das aber schnell wieder auf.“
Sehr schön: Ich stecke dann mal all mein Geld in einen Emerging-Markets-Bond-ETF. Der wird schon keine Verluste machen. Und wenn doch, holt er sie ja schnell wieder auf. Oder sollte ich doch besser einen ETF nehmen, der die Performance sehr langfristiger deutscher Staatsanleihen abbildet? Das ist vielleicht doch ein bisschen sicherer. Es sei denn, das Zinsniveau steigt irgendwann mal nachhaltig an.
Bevor ich zu sarkastisch werde: Weder der Ratschlag an sich noch seine konkrete Ausgestaltung zeugen von allzu viel Sachverstand. Mögliche Probleme wie ein Anstieg der Inflation werden außer Acht gelassen, auf anlageklassenübergreifende Diversifikation als Grundprinzip langfristiger Geldanlage wird verzichtet. Dabei senkt ein geringer Aktienanteil das Risiko eines reinen Rentenportfolios sogar – und verbessert gleichzeitig die Rendite-Erwartung. Doch um das zu verstehen beziehungsweise zu erklären, ist eine gewisse geistige Anstrengung erforderlich – das verträgt sich wohl nicht mit dem Motto des Buches.
Aktien-ETFs kommen zwar vor – allerdings nur als Beigabe für Anleger, die ein noch höheres Risiko eingehen wollen als solche, die nur auf Rentenfonds setzen. Andere Anlageklassen wie Immobilien (Offene Immobilienfonds oder REITs) oder Rohstoffe (Gold, Rohstoff-ETFs) werden nicht be- sondern lediglich im kleinen Geldanlagelexikon am Ende des Buches kurz abgehandelt (und verworfen). Angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit, die Immobilien, Gold und andere Rohstoffe seit Jahren erfahren, ist das ein Defizit.
Keine klare Strategie, inhaltliche Nachlässigkeiten
Nun können Faule auf diese Anlageklassen sicher verzichten. Dennoch benötigen sie dringend eine solide Strategie. Die liefert ihnen dieses Buch aber nicht – auch wenn es sein mag, dass meine Ansprüche in dieser Hinsicht zu hoch sind (andererseits heißt das Werk ja nicht „Geldanlage für Dummys“). Was ich „Geldanlage für Faule“ vor allem vorwerfe, ist aber nicht sein zu geringer Anspruch – es sind die vielen inhaltlichen Nachlässigkeiten. Dass Renten-ETFs pauschal als wenig riskant bezeichnet werden, ist nur eine davon. Andere:
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Im Kapitel „Ich will mir etwas gönnen“ geht es um schöne Autos, schöne Reisen und anderen Luxus. Dabei wird auch gefragt: „Warum nicht einfach finanzieren?“. Beantwortet wird sie allerdings nicht. Der Leser erfährt einfach nicht, ob Konsum auf Kredit ratsam ist oder nicht. Das Buch bleibt einfach stehen bei: „Das Problem ist nur, bei allen Angeboten den Durchblick zu behalten und die passende Kreditform zu finden.“ Grundsätzliche Bedenken? Konnte ich nicht finden. Warum auch?
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Im Kapitel „Ich will fürs Alter vorsorgen“ werden nur die Riester-Rente und die betriebliche Altersvorsorge besprochen. Einmal mehr wundere ich mich, warum viele sich Altersvorsorge nicht ohne den Abschluss eines langfristigen (Versicherungs-)Vertrages vorstellen können.
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Aktiv gemanagte Aktienfonds werden mit dem folgenden Argument verworfen: „Ob man einen Manager erwischt hat, der mit seiner Strategie völlig falsch liegt, lässt sich nur erkennen, indem man sich mit den Aktienmärkten befasst und öfter mal schaut, ob der eigene Fonds noch mit der Konkurrenz mithält – was solche aktiv gemanagten Fonds unweigerlich ungeeignet für Faule macht.“ Man soll also offenbar einmal im Quartal schauen, ob der gewählte Fonds performancemäßig noch in der Spitzengruppe liegt oder nicht. Ach, wäre doch nur alles so einfach wie die Beurteilung aktiv gemanagter Fonds! Ohne Sarkasmus: Ich halte das Argument, dass man sein Geld genau deshalb in die Hände eines professionellen Managers legt, um sich um gar nichts mehr kümmern zu müssen, für deutlich überzeugender. Würde man diesem Argument folgen, wären aktiv gemanagte Fonds geradezu ideal für faule Anleger. In der Praxis rechtfertigen die Ergebnisse leider oft nicht die Kosten für das aktive Management – aber darauf geht das Buch traurigerweise nicht ein.
Und so weiter und so fort. Vielleicht tue ich „Geldanlage für Faule“ unrecht, vielleicht war meine Erwartung, in dem Buch ein oder zwei Kapitel über die passive Anlagestrategie zu finden, von vorneherein unangebracht. Aber enttäuscht bin ich trotzdem – gerade weil der Titel so vielversprechend klingt und die grundlegende Idee des Buches so gut ist. Vermutlich sind 160 Seiten einfach zu wenig, um ein so komplexes Thema wie die Geldanlage in so vielen Facetten seriös zu behandeln.
Sina Groß: Geldanlage für Faule, Stiftung Warentest, 160 Seiten, 16,90 Euro
Zum Weiterlesen
- Buchbesprechung: Odysseus und die Wiesel
- Buchbesprechung: Grundsätze soliden Investierens
- Buchbesprechung: A Random Walk Down Wall Street
vier Kommentare
Hallo Stefan,
danke für den Hinweis. Das war in der Tat ein Versehen und ist beim Übertragen des Textes ins CMS passiert. Sorry.
Viele Grüße
Holger
Hallo Dirk,
ich bin mir da nicht sicher – man muss nur im richtigen Moment faul sein. Wer zu faul ist, sich vor einem Investment Gedanken zu machen, bekommt (oft) ein Problem. Wer sich aber einmal gründlich mit dem Thema beschäftigt und es schafft, die richtigen Schlüsse zu ziehen, muss hinterher wirklich keinen großen Aufwand mehr treiben.
Viele Grüße
Holger








Danke für die Warnung für dem Buch! Auch das ist sehr hilfreich, wenn man weiß welche Bücher man sich sparen kann zu lesen…
Am Anfang des Artikels ist ein Abschnitt doppelt vorhanden… Vermutlich ein Versehen?
Viele Grüße,
Stefan