Diamanten - und brillianter Journalismus

Der weltgrößte Diamantenproduzent De Beers hat seine Diamantenproduktion im ersten Quartal dieses Jahres um 91 Prozent reduziert. Klingt erschreckend, oder? Findet FAZ.net auch - und strickt einen Artikel daraus. Nicht unbedingt mit heißer Nadel, denn die Meldung über die Produktionsreduzierung stammt schon vom 30. April. Aber der FAZ-Artikel ist trotzdem genauso so erschreckend wie der Produktionsrückgang. Mindestens.

Der Schwachsinn beginnt schon mit dem ersten Satz: "Kaum eine Nachricht hat die ebenso verschwiegene wie erfolgsverwöhnte Diamantenbranche so geschockt wie die Zahl, die Anglo American, mit 45 Prozent Haupteigner des weltgrößten Diamantenproduzenten De Beers, kürzlich verkündete: Wegen des starken Nachfrageeinbruches habe De Beers die Diamantenproduktion im ersten Quartal um 91 Prozent heruntergefahren."

Nun bin ich mir sicher, dass die Autorin sich in der Diamantenbranche deutlich besser auskennt als ich (oder?). Aber sollte eine Nachricht, die eine ganze Branche schockt wie kaum eine andere, nicht zumindest auch ein paar Spuren im Aktienkurs von De-Beers-Hauptanteilseigner Anglo American hinterlassen? Der stieg nämlich komischerweise am 30. April, als Anglo American die Pressemitteilung veröffentlichte - und auch an so ziemlich allen anderen Tagen seither. Schockierend, oder? Erst recht, wenn man sich überlegt, an wie vielen Tagen vorher die Anglo-Aktie gefallen ist - was für schlimme Nachrichten muss es da erst gegeben haben?

Oder war die Nachricht am 30. April vielleicht gar nicht mehr neu für die Menschen, die sich in der Branche wirklich auskennen? Und also auch nicht schockierend? Schließlich standen ja, auch das erfährt man im FAZ-Artikel, zeitweise alle fünf Minen in Botswana still. Das könnte ja vielleicht in der Zwischenzeit irgendjemand mitbekommen haben...

Es kommt aber noch schlimmer, denn die FAZ entblödet sich nicht, schon im übernächsten Satz zu verkünden: "Dass der Minenbetreiber zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg die Dividende strich, wurde dabei fast zur Fußnote."

Merkwürdig - die erste Dividendenstreichung seit dem Zweiten Weltkrieg als Fußnote? Nein, natürlich nicht - das hatte Anglo nur schon zwei Monate zuvor verkündet, bei der Vorlage der Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2008.

Also: Entweder die Autorin des Artikels hat einfach keine Ahnung, oder sie musste sich irgendwie irgendetwas zusammenschustern, das sich als Katastrophen-Nachricht verkaufen ließ. Ich hoffe, ersteres ist der Fall. Die zweite Möglichkeit finde ich nämlich deutlich unappetitlicher.

Zum Weitersagen

These icons link to social bookmarking sites where readers can share and discover new web pages.
  • Del.icio.us
  • Digg
  • Google
  • StumbleUpon
  • Technorati
  • Facebook
  • Twitter

Kein Kommentar

Emoticons
Bitte beantworten Sie diese einfache Frage. Sie dient dazu, automatisierten Kommentar-Spam zu verhindern.
Persönliche Informationen speichern?
Benachrichtigen
E-Mail Adresse nicht anzeigen
Hinweis: Alle HTML-Tags außer <b> und <i> werden aus Deinem Kommentar entfernt. URLs oder Mailadressen werden automatisch umgewandelt.