Tolle Finanzkrisen-Berichterstattung, Spiegel Online!

Wie aus einer Statistik des Deutschen Derivateverbands ein hochaktueller Krisenindikator wird.

Spiegel Online und die ZockerpapiereGestern dachte ich für einen Moment, das Ende Europas steht unmittelbar bevor. Dass die Eurozone spätestens seit gestern in den Abgrund blickte wusste ich ohnehin, weil ich ftd.de besucht hatte. Aber diese Schlagzeile im "Liveticker zur Euro-Krise" bei Spiegel Online setzte allem die Krone auf: "Deutsche stoßen massenhaft Zockerpapiere ab". Das klang nach Massenpanik, mindestens aber nach einer konzertierten Risikomanagement-Aktion mehrerer deutscher Großbanken. Wollte die Deutsche Bank all ihre Credit Default Swaps loswerden?

Nein, des Rätsels Lösung war viel schlichter - und wirklich unspektakulär: Spiegel Online hatte es geschafft, die monatliche Marktvolumenstatistik des Zertifikate-Zentralverbandes DDV in den Euro-Krisen-Ticker zu integrieren. Die zuletzt veröffentlichte Statistik bezieht sich auf den September - von einer akuten Panik kann also keine Rede sein. Das hat mich schon einmal beruhigt.

2011-11/spon-zockerpapiere2.jpgNoch beruhigender fand ich aber die Zahlen: Das Marktvolumen ist im September um 3,9 Prozent auf gut 100 Mrd. Euro gefallen. Sieht so also massenhaftes Abstoßen aus?

Nun ja: Ich zumindest hatte mir unter dem Begriff etwas anderes vorgestellt. Immerhin war der September ein Monat heftiger Verluste an den Aktienmärkten. Da viele der in der Statistik erfassten Zertifikate sich auf Aktien und Aktienindizes beziehen und mitunter im Kurs sinken, wenn es mit dem Basiswert bergab geht, ist ein Rückgang des Marktvolumens eigentlich normal. Deshalb geht der DDV auch in seiner Pressemitteilung darauf ein: "Grund hierfür war neben Kursverlusten die Tatsache, dass im September viele Produkte ausgelaufen waren. Über alle Zertifikate betrachtet, fielen die Kurse im Berichtsmonat um 1,7 Prozent. Preisbereinigt sank der Open Interest somit um 2,3 Prozent bzw. 2,2 Mrd. Euro."

"Zockerpapiere" mit Kapitalschutz

Offensichtlich bleibt dennoch ein Rückgang des Marktvolumens, für den man nun Gründe suchen kann: Wollten Anleger nicht einmal mehr vermittelt über Zertifikate in den Aktienmarkt investieren? Haben Sie sich angesichts der Krisenstimmung verstärkt Sorgen wegen des mit Zertifikaten verbundenen Emittentenrisikos gemacht? Wie auch immer: Angesichts der Überschrift hätte ich auf Verkäufe in Höhe von - sagen wir mal - 10 Mrd. Euro in den letzten zwei, drei Tagen getippt.

Ein anderes hübsches Detail ist der Begriff "Zockerpapiere". Da schwingt wohl noch die Lehman-Pleite mit. Die Tatsache, dass mehr als zwei Drittel des Geldes in Kapitalschutz-Zertifikate und strukturierte Anleihen (ebenfalls mit Kapitalschutz) investiert sind, spricht aber eher dafür, dass hier sehr viele sicherheitsorientierte Anleger unterwegs sind. Aber "Zockerpapiere" klingt halt besser.

Jedenfalls: eine großartige Idee, die Meldung mit dieser Überschrift in den sowieso schon lustigen Euro-Krisen-Ticker zu integrieren. Da weiß man als Leser, dass man sich auf eines verlassen kann: Auch wenn es mal wirklich ernst werden sollte, wird bei Spiegel Online sachlich und ohne unnötige Sensationsgier berichtet.

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fünf Kommentare

Selber

Gute Analyse. Erwähnt werden sollte noch, dass die verbleibenden 100 Mrd. EUR trotzdem nicht Insolvenzgesichert sind wie Fonds. Zockerpapiere ist nur einfach der falsche Begriff.

Dieses Phänomen der Berichterstattung ist schon länger zu beobachten, zum Beispiel auch bei ETFs. Da wird ebenfalls ein Haufen Mist geschrieben. Ihre Ursache haben solche Meldungen zum einen in grottenschlechten und miserabel recherchierten Agenturmeldungen und zum Anderen in den Medien selbst, die solche Meldungen mangels ausreichender Redaktionen ungefiltert laufen lassen (hier vor allem Handelsblatt).

Eine Schande. Dennoch: Mittelfristig wird sich die Landschaft der großen Wirtschaftsmedien noch weiter konsolidieren, und den Rest übernehmen dann wir Blogger

Selber, (URL) - 30-11-’11 09:14
sparFuxx

Hallo,
bei solch schlechter Berichterstattung wie dem hier erwähnten Beispiel (und das ist ja nur eines unter vielen) frage ich mich ja immer, ob es wirklich Unfähigkeit seitens der Journalisten ist, oder ob ein gezieltes Interesse an Des-Information besteht. Schließlich fallen informierte Leser nicht auf so einen reiserischen Unfug herein – sind also letztlich unerwünscht.
Was meint Ihr?

sparFuxx, (URL) - 30-11-’11 10:10
Selber

Die Seiten müssen gefüllt werden, um Anzeigen möglich zu machen. Das ist immer das Hauptargument im Kontakt mit den Medien. Je nachdem, wer grade am Drücker im permanenten internen Machtkampf – Redaktion oder Geschäftsführung – steigt die Qualität oder sie fällt auf ein Mindestmaß mit entsprechenden Ausreißern. Und da die Jobs für Journalisten immer knapper werden, werden die immer machtloser. Das kann man sich auch zunutze machen und eigen Interessen umsetzen, wie zuletzt die Kampagne gegen die Swap-based ETFs.

Selber, (URL) - 30-11-’11 10:17
Uhu

Anders, als der “Spiegel” in Papierform, setzt Spiegel online auf eine schnelle, möglichst plakative Berichterstattung. Das ergibt manchmal ganz gute Unterhaltung, aber natürlich keine brauchbare Information. Alles dient dem Zweck, möglichst viele Klicks auf die Anzeigen zu bekommen.

Kann man von einem Medium, das nichts kostet, mehr erwarten?

Uhu, - 30-11-’11 12:12
Holger

Hallo zusammen,

eigentlich will ich hier ja keine Medienschelte betreiben – schließlich kenne ich selbst die Zwänge, denen man als Journalist (oder eben auch ganze Redaktion) ausgesetzt ist, gut genug. Der Zwang, ständig neue, spannende Themen zu finden, ist in jedem Fall einer davon. Und er führt halt manchmal zu seltsamen Auswüchsen. Einen fragwürdigen Eurokrisen-Liveticker mit einer harmlosen Marktvolumen-Pressemitteilung zu füttern, ist sicher einer der schrägeren darunter…

Andererseits fand ich gerade die von Selber genannte mediale Debatte um die (Swap-)ETFs aber angesichts der Komplexität des Themas gar nicht so schlecht. Sie krankte m. E. vor allem daran, dass schon die von den verschiedenen Regulatoren (FSB, IWF, BIZ) genannten Kritikpunkte sehr unspezifisch waren. Aber gerade im Handelsblatt gab es einige sehr differenzierte Artikel zum Thema, fand ich. Dort kamen zumindest regelmäßig auch die Vertreter von Swap-ETF-Anbietern zu Wort.

Dass ein einzelner, sehr großer ETF-Emittent mit seiner Kritik an den Swap-ETFs der Konkurrenz (zu) viel Gehör in der Öffentlichkeit fand, ist eine andere Baustelle. ;-)

Viele Grüße
Holger

Holger, (URL) - 30-11-’11 21:35
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