Abgeltungssteuerfreie Fonds: Halten oder verkaufen?

Bei vielen Anlegern dürfte noch die eine oder andere Altlast im Depot schlummern. Die Angst vor der Abgeltungssteuer erschwert die Trennung

Es dürfte inzwischen ein Klassiker unter den Fragen sein, die man sich als Anleger so stellt: Lohnt es sich, abgeltungssteuerfreie Aktienfonds aus der Zeit vor 2009 zu behalten, die einem eigentlich nicht mehr recht zusagen? Oder sollte man doch umschichten – in ETFs oder irgendwelche anderen Anlagen? Die Frage ist nicht trivial und nicht ohne Weiteres zu beantworten. Aber zumindest lässt sich skizzieren, wie man auf dem Weg zur richtigen Antwort vorgehen sollte.

Zunächst einmal gilt es dabei, eine Reihen von Annahmen zu treffen.

Wichtige Annahmen: Rendite-Erwartung und Anteil der Ausschüttungen

Die wichtigste davon: Welche Rendite-Erwartung haben eigentlich die alten Fonds (im Beispiel: aktiv gemanagt)? Und welche die neuen, gegen die man sie auszutauschen gedenkt (im Beispiel: ETFs)? Eine Basisannahme könnte zum Beispiel sein, dass aktiv gemanagte Fonds keine Überrendite gegenüber ETFs erwirtschaften – allerdings vor Kosten zumindest auch nicht schlechter abschneiden. Also: Sowohl die alten als auch die neuen Fonds bringen dem Anleger die Marktrendite ein – davon müssen allerdings noch die Kosten abgezogen werden.

Ebenfalls wichtig ist zu wissen, welcher Anteil der jährlichen Rendite auf sofort zu versteuernde Ausschüttungen (Dividenden) entfällt und welcher Teil auf Kursgewinne. Letztere müssen bei den abgeltungssteuerfreien Fonds überhaupt nicht versteuert werden und bei den neu gekauften Fonds erst beim Verkauf.

Das Beispiel: 8 Prozent Marktrendite p. a., ein Viertel davon als Ausschüttung

Angenommen der Markt erzielt jedes Jahr eine Rendite von 8 Prozent. Ein Viertel davon, also 2 Prozentpunkte, stammt aus Dividenden, wird von den Fonds an die Anleger ausgeschüttet und von diesen sofort versteuert. In diesem Punkt unterscheiden alte und neue Fonds sich also nicht. Hier greift – wenn der Steuerfreibetrag ausgeschöpft ist – die Abgeltungssteuer. Der Steuersatz liegt – inklusive Solidaritätszuschlag, aber ohne Kirchensteuer – bei 26,375 Prozent. Von den 2 Prozentpunkten gehen durch die Steuer also 0,5275 Prozentpunkte verloren. Es bleibt bei den alten wie bei den neuen Fonds eine Ausschüttungsrendite nach Steuern von 1,4725 Prozentpunkten.

Von den übrigen 6 Prozentpunkten werden zunächst die Kosten der Fonds abgezogen. Der Rest kommt den Anlegern in Form von Wertsteigerungen ihrer Fondsanteile zugute. Bei den abgeltungssteuerfreien Fonds können diese Kursgewinne steuerfrei vereinnahmt werden, bei den neuen Fonds müssen sie dagegen nach einem etwaigen Verkauf der Anteile versteuert werden.

Angenommen die Total Expense Ratio (TER) der alten, aktiv gemanagten Fonds liegt bei 2 Prozent p. a. In diesem Fall bringen die alten Fonds nach Kosten jährliche Kursgewinne von 4 Prozent. Dies entspricht auch den jährlichen Kursgewinnen nach Steuern. Die (neuen) ETFs dagegen kosten lediglich 0,5 Prozent p. a. Ihre jährliche Wertsteigerung nach Kosten liegt also bei 5,5 Prozent.

Diese Wertsteigerung muss beim Verkauf versteuert werden. Das heißt: 26,375 Prozent der Kursgewinne gehen an den Staat.  Demnach fallen etwa 1,45 Prozentpunkte an Steuern an. Dem Anleger bleiben 4,05 Prozent – also mehr als bei den alten Fonds.

Profitieren vom Zinseszins-Effekt

Das ist aber noch nicht alles: Die Steuern für die Kursgewinne werden nicht sofort fällig, sondern erst beim Verkauf. Daher profitieren Anleger vom Zinseszins-Effekt, solange sie die neuen Fonds nicht verkaufen. Die höheren Kosten der aktiven Fonds schlagen dagegen in jedem Jahr sofort negativ zu Buche.

Im Beispiel wäre also ein sofortiger Tausch der aktiv gemanagten Fonds gegen ETFs empfehlenswert. Rechnet man allerdings mit anderen Zahlen, kann das Ergebnis auch ganz anders aussehen. Wichtig ist daher vor allem zu verstehen, auf welche Parameter es ankommt: Wie die Entscheidung ausfällt, hängt im Wesentlichen von der zu erwartenden künftigen Rendite, der Verteilung der Gesamtrendite auf Kursgewinne und Dividenden und vom zu erwartenden Renditevorteil der ETFs (oder der Neuanlage allgemein) nach Kosten ab.

Wer nun darüber nachdenkt, das obige Beispiel als Basis für eigene Überlegungen zu nehmen, der sollte sich außerdem noch folgenden Zusammenhang vergegenwärtigen: Je geringer die Rendite-Erwartung beider Fonds (im Beispiel: die Marktrendite) ist, desto niedriger sind die zu versteuernden Gewinne – und desto geringer folglich auch die Vorteile der Abgeltungssteuerfreiheit. Die Kosten dagegen bleiben – zumindest im Beispiel – stets gleich.

Renditevergleichsrechner als Entscheidungshilfe

Wer nun etwas tiefer in die Problematik einsteigen will und vielleicht eine Entscheidungshilfe braucht, der findet bei sparFuxx einen Renditevergleichsrechner. Mit ihm lassen sich die Renditen zweier unterschiedlicher Anlagen mit und ohne Berücksichtigung von Steuern vergleichen. Ein Tipp noch dazu: Ausschüttungen werden im Rechner nicht berücksichtigt. Das ist aber für die Berechnung egal. Es genügt, einfach mit den Kursgewinnen ohne Ausschüttungen zu rechnen.

Danke an sparFuxx - nicht nur für den Hinweis auf den Rechner, sondern auch dafür, dass er mich überhaupt überredet hat, das Thema einmal anzugehen.

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acht Kommentare

sparFuxx

Hi,
auch wenn dieser Artikel sonst keine Resonanz auslöst, möchte ich trotzdem nochmal öffentlich schreiben, daß ich ihn sehr gelungen finde. Anhand eines einfachen Beispiels wird gezeigt, daß die Abgeltungssteuerfreiheit von Altanlagen für die Entscheidung halten vs. verkaufen wirklich nur ein einzelnes Kriterium von vielen ist. Und ob diese Erkenntnis weit verbreitet ist bezweifle ich.
Also: vielen Dank nochmal, daß Du meine Idee aufgegriffen hast.
sparFuxx

sparFuxx, (URL) - 31-01-’12 08:50
KLEINANLEGER

Stimmt, das war ein hilfreicher Artikel.

Gruß vom KLEINANLEGER

KLEINANLEGER , - 31-01-’12 15:07
Mario

Der Artikel ist ein schöner Denkanstoß auch mit diesem Thema rational umzugehen. Stelle bei mir selbst fest, dass ich mich bei Aktien, die ich vor der Abgeltungssteuer gekauft habe, schwerer tue sie mit stop loss abzusichern oder einfach zu verkaufen, wenn ich nicht mehr 100% überzeugt bin.

Mario, (URL) - 01-02-’12 17:14
Holger

Ha! Jetzt hab ich es tatsächlich geschafft, so lange beleidigt zu schweigen, bis drei positive Kommentare zusammengekommen sind. ;-)

Danke in jedem Fall. Und insbesondere das Lob von sparFuxx kann ich nur zurückgeben – es lohnt sich wirklich, einmal mit seinem Rechner herumzuspielen. Der ist nämlich wirklich gut, wenn man schon ein grundlegendes Verständnis des Problems hat.

@Mario: Sich schwerer mit dem Verkauf zu tun, ist in meinen Augen auch durchaus in Ordnung – es gibt ja tatsächlich ein zusätzliches Argument dafür, abgeltungssteuerfreie Anlagen zu behalten. Es sollte halt nur nicht in ein Halten ohne Rücksicht auf Verluste ausarten, denke ich.

Viele Grüße

Holger, (URL) - 01-02-’12 18:48
Malefiz

Vielen Dank für diesen Artikel! Er versachlicht die Überlegungen um ehemals getroffene Entscheidungen und das hat mir sehr geholfen.

Die ganzen “guten” (und diversifizierten) Fonds, die ich hatte, haben meine Erwartungen überhaupt nicht mehr erfüllt und bei ‘Finanztest’ standen sie auch nicht mehr oben in der Performance-Liste.
Trotzdem habe ich mich mit dem Verkauf Fonds bzw. der Umschichtung in ETFs ganz schön schwer getan. Der psychologische Faktor “Steuerfreiheit” ist viel größer, als ich gedacht habe. (Da geht es mir ähnlich, wie Mario.)

Passives Investieren hat dann nicht nur Renditevorteile, sondern einen nicht zu unterschätzenden psychologischen Faktor: es lässt einen ruhiger schlafen.

Viele Grüße,

Malefiz

P.S.:So einen ähnlichen Artikel habe ich letztes Jahr schon mal wo anders gelesen. Natürlich auch von Holger!

Malefiz, - 06-02-’12 17:56
Holger

P.S.:So einen ähnlichen Artikel habe ich letztes Jahr schon mal wo anders gelesen. Natürlich auch von Holger!

Hallo Malefiz,

Du musst doch nicht alles verraten. ;-) sparFuxx war nicht der einzige, der mich auf diesen Beitrag gebracht hat – Malefiz hatte in einem Forum der Verbraucherzentrale NRW, für die ich damals gearbeitet habe, die gleiche Frage gestellt. Und zumindest die Beispiele in meiner damaligen Antwort und in diesem Artikel dürften sich (hoffentlich) stark ähneln.

Ich tue mich jetzt übrigens schwer mit dem Verkauf von ETFs, die noch abgeltungssteuerfrei in meinem Depot liegen, obwohl ich nicht mehr von ihnen überzeugt bin. Einen Select-Dividend-ETF habe ich einfach mal verkauft, obwohl ich nicht sicher bin, ob sich da tatsächlich ein Renditenachteil gegenüber einem einfachen, marktbreiten ETF belegen lässt. Vermutlich wäre halten da die rationalere Entscheidung gewesen, oder?

Viele Grüße

Holger, (URL) - 10-02-’12 08:04
Malefiz

Einen Select-Dividend-ETF habe ich einfach mal verkauft, obwohl ich nicht sicher bin, ob sich da tatsächlich ein Renditenachteil gegenüber einem einfachen, marktbreiten ETF belegen lässt. Vermutlich wäre halten da die rationalere Entscheidung gewesen, oder?

Abgeltungssteuerfreie ETFs sind noch mal ein anderes Thema, finde ich.

Bei Fonds ist halt immer die Wette dabei, dass der Fonds den Index schlägt. Genau das ist bei den meisten Fonds eben nicht der Fall und deshalb hatte ich so ein ungutes Gefühl bei “meinen” Fonds und habe sie alle verkauft. Jetzt fühle ich mich viel wohler, weil ich mit dem Index schwimme. Ich muss mich nicht mehr vor mir selbst rechtfertigen den ‘richtigen’ Fonds im Depot zu haben.

Ob meine ETF – Auswahl die richtige ist, darüber lässt sich trefflich streiten; damit wären wir beim Thema “abgeltungssteuerfreier ETF”. Ob “Select Dividend” besser ist als der Markt weiß ich nicht, aber ich glaube gelesen zu haben, dass alle Strategien den Markt zu schlagen nicht zum Ziel führen. Zumindest weiß man das vorher nicht.

Deshalb finde ich es ist rational auf den Markt zu setzen und nicht auf “Select Dividend”.

Viele Grüße,

Malefiz

Malefiz, - 05-03-’12 19:05
Holger

Ob “Select Dividend” besser ist als der Markt weiß ich nicht, aber ich glaube gelesen zu haben, dass alle Strategien den Markt zu schlagen nicht zum Ziel führen. Zumindest weiß man das vorher nicht.

Deshalb finde ich es ist rational auf den Markt zu setzen und nicht auf “Select Dividend”.

Hallo Malefiz,

in der Schlussfolgerung stimme ich Dir durchaus zu. Nur lässt sich die Frage, ob sich der Austausch eines abgeltungssteuerfreien Select-Dividend-ETF gegen einen – dann abgeltungssteuerpflichtigen – marktbreiten ETF lohnt, auf der Basis auch nicht beantworten. Aber ich fürchte, für eine qualifizierte Antwort müsste man so viele Variablen kennen, dass das unrealistisch ist. Na ja, nun isser eh weg.

Viele Grüße

Holger, (URL) - 05-03-’12 19:29
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