Die psychologischen Vorteile der passiven Geldanlage

Es gibt viele objektive, rein sachliche Vorteile, die mit der passiven Geldanlage verbunden sind: Man zahlt weniger Gebühren an die Fondsindustrie, man läuft nicht Gefahr, ständig auf Trends aufzuspringen, die man eigentlich viel zu spät bemerkt hat. Und man bekommt immer annähernd die Rendite der Indizes, die man mit seinem Depot abbildet. Was, unzählige Statistiken beweisen es, nur die wenigsten aktiv gemanagten Fonds über einen längeren Zeitraum schaffen. Es gibt aber noch einen weiteren, womöglich genauso wichtigen Vorteil: Wer passiv investiert, hat einfach viel weniger Stress. Und kann ruhiger schlafen.

Das liegt nicht etwa daran, dass bei dieser Methode der Geldanlage keine Verluste anfallen können. Schließlich hat das Jahr 2008 gerade wieder eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen. Aber: Verluste tun einfach viel weniger weh, wenn man sie im Rahmen einer passiven Anlagestrategie erleidet.

Das wiederum liegt, glaube ich, an dem angenehmen Gefühl der Machtlosigkeit, das mit dieser Strategie einhergeht. Wer in breit angelegte Indizes investiert und dabei auch auf eine vernünftige (nicht unbedingt optimale) Streuung über verschiedene Anlageklassen achtet, der weiß: Wenn mein Depotwert zusammenschmilzt, dann liegt es nicht an mir, meinen Entscheidungen oder meinem mangelnden Wissen. Es liegt auch nicht an der Bank, die mich beraten hat (mich berät keine Bank mehr), und es liegt noch nicht einmal an den Managern der Fonds, die sich sonst als Sündenböcke anbieten. Es liegt einfach: am Markt, an der Zeit. Und weil das so ist, sind auch keine neuen Entscheidungen von mir gefordert. Ich bin mit mir und meinem Depot im Reinen.

Wer sich einmal im Stock Picking (am besten der Suche nach dem nächsten großen Wachstumswert, verbunden mit dem Versuch, den besten Zeitpunkt zum Einstieg zu finden), versucht hat, weiß: Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn wer sich anmaßt, den Markt schlagen zu können, indem er ständig Entscheidungen über seine Anlagestrategie trifft, der muss eben auch ständig Entscheidungen treffen. Und steht unter Druck.

Das gilt auch noch, wenn man Einzelaktien mit der Absicht kauft, sie für immer in seinem Depot liegen zu lassen. Theoretisch sollte sich die Sache nach dem Kauf erledigt haben. Aktie da, Entscheidungsdruck weg. Von wegen. Wetten auf einzelne Aktien bringen immer Hoffnung (auf eine Überrendite) und Furcht (vor einer Unterrendite) mit sich. Und damit auch entweder Selbstzweifel oder emotionale Höhenflüge. Und selbst der am härtesten gesottene Investor steht irgendwann vor der Frage: Ist meine Aktie gerade überbewertet, sollte ich verkaufen? Oder unterbewertet? Oder auf ewig zum Sinken verdammt?

Selbstverständlich kann man sich aber auch in solche Probleme stürzen, wenn man in ETFs investiert. Und ich rede dabei nicht mal von gehebelten-Short-ETFs, die sich ohnehin viel besser zur wilden Spekulation eignen als zur langfristigen Geldanlage. Nein: Jede Investition, die nicht einen enorm breiten Index abdeckt, ist letztlich eine Wette darauf, dass sich bestimmte Segmente des Marktes besser entwickeln als andere. Natürlich, der Euro Stoxx 50 ist ein anerkannter Leitindex. Aber was, wenn sich Small Caps plötzlich über Jahre besser entwickeln als Blue Chips? Und was erst, wenn man in Strategie-Indizes investiert, die auf eine möglichst hohe Dividendenrendite abzielen oder nur Wachstumswerte erfassen wollen? Was, wenn man Wachstumswerte systematisch untergewichtet?

Ich will die vielen oben aufgezählten Strategien gar nicht bewerten. Aber der Satz vom Anfang gilt eben: Je passiver, je marktbreiter, desto stressfreier. Und trotzdem scheinen sich viele gerade psychologisch nicht mit der passiven Geldanlage (und dem Verzicht auf Überrenditen) anfreunden zu können. Schließlich kann Stress auch ziemlich aufregend sein. Oder nicht?

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zwei Kommentare

Reini Österreich

Hi Holger,

als passiver Geldanleger der Alpenrepublik muss man ja aktuell zu allererst versuchen die Kapitalertragssteuer zu umgehen. Nun möcht ich gebührenschonend (ETF) und KEst schonend streuen- ATX Aktien hab ich aktuell übergewichtet… hast Du da eine Idee?

lg, Reini

Reini Österreich, - 22-07-’11 19:19
Holger

Hallo Reini,

ehrlich gesagt nicht. Vor allem nicht, was die Steuer in Österreich angeht. Ich verstehe ja schon unsere deutsche Abgeltungsteuer kaum. ;-)

Deshalb habe ich tatsächlich nur eher grundsätzliche Tipps:

- In der Regel vermeidet man Steuern, indem man so selten wie möglich Gewinne realisiert, also fast nicht handelt. Und wenn man doch Positionen verkauft, dann eher solche, die sich im Minus befinden (was dem allgemeinen Bedürfnis widerspricht, erst dann zu verkaufen, wenn man wieder im Plus ist).

- Den ATX überzugewichten, ist grundsätzlich auch keine richtig gute Idee, weil das ein Ausdruck des Home Bias ist: Man kauft eine Aktie/einen Index nur deshalb, weil er einem geographisch nahe liegt und gut bekannt ist. In Deutschland sind deshalb Indexfonds und -Zertifikate auf den DAX so beliebt. Sinnvoller ist es aber, auch andere Regionen der Welt im Portfolio hoch zu gewichten. Dazu gibt’s verschiedene Möglichkeiten – Standard wäre zum Beispiel der Kauf eines MSCI World und eines MSCI Emerging Markets ETF. Einfacher (aber ich weiß nicht, ob in AT verfügbar) ist der Kauf eines einzigen ETF auf den MSCI All Countries World Index. Oder Du kaufst für jede der wesentlichen Regionen einen ETF – das lohnt sich aber erst bei größeren Depots. Die genaue Gewichtung ist dann wohl auch ein wenig Geschmackssache. Ich glaube, eine “naive” Aufteilung nach dem Muster 25 % Nordamerika, 25 % Europa, 25 % entw. Asien, 25 % Emerging Markets ist eine praktikable und gute Sache. Natürlich könntest Du aber auch hingehen und Österreich im Rahmen einer solchen Aufteilung noch mal übergewichten – den heimischen Aktienmarkt im eigenen Depot mit 20 Prozent zu gewichten, ist sicher kein schwerer Fehler – obwohl es natürlich eine deutliche Übergewichtung ist, wenn man rein nach dem Anteil des ATX an der weltweiten Marktkapitalisierung geht.

Hilft das ein wenig weiter? Vielleicht kennt sich ja jemand anderes hier besser mit den Gegebenheiten in Österreich aus und kann einen präziseren Beitrag leisten.

Viele Grüße

Holger, (URL) - 23-07-’11 12:35
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