Ihre 4 größten Schwächen als Anleger

Natürlich, ich hätte auch schreiben können: "Meine 4 größten Schwächen als Anleger". Aber ich wollte mal ein bisschen provozieren. Jedenfalls: Ich versuche gerade, mich ein bisschen mit Behavioral Finance zu beschäftigen. Und dieser tolle Zweig der Wissenschaft hat scheinbar vor allem vier psychologische Fallen herausgearbeitet, in die Anleger immer wieder tappen: Selbstüberschätzung, verzerrtes Urteilsvermögen, Herdentrieb und Angst vor Verlusten. Was verbirgt sich dahinter?

Schwäche Nummer 1: Die Selbstüberschätzung

Eins mal vorweg: Ich leide an dieser Schwäche natürlich nicht. Dazu bin ich viel zu intelligent. Normale Durchschnittsmenschen allerdings sollten aufpassen. Bei verschiedenen wissenschaftlichen Experimenten kam immer wieder das gleiche Ergebnis heraus: Alle denken, sie seien besser als der Durchschnitt. Vor allem Männer. Beispiele: Regelmäßig schätzen 80 bis 90 Prozent der Teilnehmer, dass sie besser und sicherer Auto fahren können als der Rest der Gruppe, der sie angehören. Eine mathematische Unmöglichkeit. Oder die Antworten auf die Frage, wie gut man mit anderen Menschen klar kommt: 100 Prozent der Teilnehmer schätzten, sie gehörten in dieser Hinsicht zur oberen Hälfte der Bevölkerung. Die andere Hälfte hatte wohl einfach nicht an der Studie teilgenommen. Noch besser: 25 Prozent der Befragten schätzten, sie gehörten zu dem einen Prozent aller Menschen, die mit ihren Zeitgenossen am besten klar kommen. Ach ja: Alle Befragten waren Männer. Frauen scheinen in der Hinsicht weniger anfällig zu sein. Jedenfalls: Man(n) sollte sehr aufpassen, bevor man sich auf einen Gedankengang einlässt, wie er in den ersten beiden Sätzen dieses Absatzes steht. Denn Mann fühlt sich meistens toller, als Mann ist. Das gilt auch für Investment-Entscheidungen: Es geht nicht, dass 80 Prozent besser als der Durchschnitt sind.

Schwäche Nummer 2: Ein verzerrtes Urteilsvermögen

Unser Wahrnehmungsvermögen spielt uns öfter mal merkwürdige Streiche. Zum Beispiel glauben wir regelmäßig, wir könnten Dinge kontrollieren, die in Wirklichkeit völlig jenseits unserer Möglichkeiten sind. Auch dazu gibt es wissenschaftliche Experimente: Die Probanden sollten in einer Art Computerspiel eine Kugel kontrollieren. Ihnen wurde aber vorher gesagt, dass auch zufällige Schocks Einfluss auf die Bewegungen der Kugel hätten. Bei einem Teil der Probanden waren diese Zufalls-Schocks dann die einzigen Einflusskräfte - sie selbst hatten in Wahrheit keinerlei Kontrolle - und waren anschließend trotzdem davon überzeugt. Erkennt jemand die Ähnlichkeit zum Aktienmarkt? Oder unsere Einschätzung von Gefahren: Nassim Nicholas Taleb erwähnt ein schönes Beispiel in "Fooled by Randomness". Es geht ungefähr so: Menschen, die in den Mittleren Osten reisen wollen, werden vor der Reise gefragt, welche von zwei gleich teuren Versicherungen sie abschließen möchten: eine, die zahlt, wenn sie auf der Reise ums Leben kommen. Oder eine, die zahlt, falls sie auf der Reise durch einen Terroranschlag sterben. Die meisten Befragten entschieden sich für die zweite Variante - obwohl die erste Variante die zweite einschließt. Aber im zweiten Fall erscheint die Bedrohung viel konkreter. Glaubt noch jemand, dass wir imstande sind, rational zu entscheiden?

Schwäche Nummer 3: Der Herdentrieb

Vier Linien, ein einfaches Experiment

Diese Schwäche erscheint wahrscheinlich wenig überraschend. Schließlich dürfte sie zum großen Teil verantwortlich sein für beinahe alle großen Spekulationsblasen, die es so gab in den vergangenen Jahrhunderten: Tulpenzwiebeln in Holland, die South Sea Bubble in Großbritannien, der Dotcom-Boom auf der ganzen Welt. Folglich versucht auch jeder, sich nicht von anderen beeinflussen zu lassen. Oder? Ein Experiment dazu gefällt mir besonders: Sieben Menschen bekamen vier Linien gezeigt und sollten angeben, welche davon gleich lang waren. Eine wirklich einfache Aufgabe, dem zugehörigen Bild nach zu urteilen. Allerdings: Nur einer der Probanden war echt. Die sechs anderen waren vorher instruiert worden, absichtlich die falsche Antwort zu geben. Raten Sie mal, ob der Siebte dann mit seiner Antwort richtig lag...

Schwäche Nummer 4: die Angst vor Verlusten

Einen Euro zu gewinnen ist so gut wie einen zu verlieren? Wer sein eigenes Erleben schon einmal überprüft hat, weiß vielleicht, dass die Dinge doch nicht ganz so einfach liegen. Verlieren tut weh. Und wir spüren den Schmerz des Verlustes stärker als die Freude über Gewinne. Wie viel stärker, haben kluge Forscher ebenfalls herausgefunden: etwa um den Faktor 2,5. In der Praxis führt das dazu, dass Anleger eine große Abneigung dagegen haben, Positionen zu verkaufen, mit denen sie Verlust gemacht haben. Sie wollen sie lieber halten, bis sie wieder auf Null sind - und verkaufen stattdessen lieber ihre Gewinner. Unabhängig davon, dass die Performance in der Vergangenheit nichts über die Zukunft aussagt, führt dies auch ganz objektiv dazu, dass Anleger mehr Steuern zahlen als nötig: Auf Verluste werden nämlich keine fällig, auf Gewinne schon. Also: lieber ab und an mit Verlust verkaufen.

Die vier vorgestellten Faktoren sollen nun dazu führen, dass die Finanzmärkte eben doch nicht so effizient sind, wie von der Theorie effizienter Märkte behauptet wird. Zum Beispiel sollen sie ein Grund dafür sein, dass niedrig bewertete Value-Aktien hoch bewertete Wachstums-Aktien in der Vergangenheit stetig outperformt haben. Ob das wirklich so ist? Mal noch mehr über den ganzen Komplex lesen. In jedem Fall sind die hier vorgestellten Schwächen vier gute Argumente für eine passive Anlagestrategie.

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sechs Kommentare:
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sx2008 am 03-05-’10 01:13

Es gibt noch einige weitere Schwächen als (unwissender) Privatanleger.
Schwäche #5: Blauäuigkeit
Banker denken min. 8 Stunden pro Tag nur an Geld. Sie haben wissenschaftliche Methoden, Computer, Zugriff auf alle Kurse, usw.
Sie sind dem 0815-Anleger haushoch überlegen in Wissen, Können und Zeitaufwand.
Wer also nur weil er gerade 5000 Euro flüssig hat zur Bank geht und aus zwei oder drei Vorschlägen des Beraters sich etwas heraussucht der hat schon verloren.

Wer es versäumt seine Wertpapiere ständig (min einmal pro Woche) zu beobachten der wird auch kein Geld verdienen sondern nur Verluste einfahren.

Schwäche #6: fehlender Antrieb Entscheidungen auszuführen
Als der DAX so ungefähr bei 3400 Punkten stand war mir glassklar: jetzt sollte man einen DAX Indexfond kaufen.
Es ist nur beim Vorsatz geblieben einfach nur aus Faulheit und/oder der Möglichkeit selbst online zu kaufen.
Das war nicht die einzigste verlorene Gelegenheit.
Z.B. 9/11 – warum war ich zu faul zu verkaufen wo ich doch gewusst habe dass ein grosser Einbruch kommt?
Für mich habe ich die Lehre gezogen, mich aktiv um mein Geld zu kümmern und nicht nur alles so laufen zu lassen.

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Holger am 03-05-’10 18:43

Danke für den interessanten Kommentar! Das ist bei einem so alten Artikel ja eher eine Seltenheit. Zu Ihrem zweiten Punkt fällt mir allerdings ein: Im Nachhinein fällt es leicht zu sagen, man hätte damals die und die Entscheidung treffen müssen. Als der DAX tatsächlich bei 3.400 Punkten stand, war es aber sehr schwer, gegen den Trend zu entscheiden und zu kaufen, weil man von vielen Menschen in seiner Umwelt für ziemlich verrückt erklärt wurde (ging mir jedenfalls so). Und zu viele Entscheidungen können sich auch schädlich auswirken, wenn sie zu hektischem Hin- und Hergetrade führen.

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ypek am 06-09-’11 19:00

Hallo,

ich möchte die Aufzählung noch um drei weitere “Schwächen” ergänzen.

Fixpunkt Einstandpreis
viele Anleger (gerade wenn sie unerfahren sind) neigen dazu, ihre Investments danach zu bewerten, wo sie eingestiegen sind. Der Einstandspreis wird als Grundlage für weitere Entscheidungen genommen. Kauft man eine Aktie und sie fällt, ist man schnell dabei zu sagen: “ich möchte mindestens meinen Einstiegskurs wieder erreichen”. Der Markt interessiert sich jedoch in keiner Weise für den Einstiegspreis einer Person.

Klammern an Entscheidungen
Jeder Kauf ist eine Entscheidung, die man in der Regel selbst getroffen hat. Ein Verkauf im Verlustbereich ist zugleich das Eingeständnis falsch gelegen zu haben. Daher werden Verkäufe mit Verlusten gerne hinausgezögert. Es wird viel zu spät verkauft.

Zentralideetendenz
Man ist der Meinung, dass sich eine Entwicklung an den Aktienmärkten auf eine zentrale Idee zurückführen lässt. Beispielsweise wird gesagt: “die Finanzkrise ist Schuld an den derzeitig fallenden Kurse.” Fakt ist jedoch, dass Börsenentwicklungen immer von vielen Faktoren abhängen; unter anderem Konjunkturentwicklung, Konjunkturerwartungen, der vorhandenen Liquidität und der Stimmung an den Märkten.

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Holger am 09-09-’11 07:30

Hallo ypek,

danke für die Ergänzungen. Wieder einmal hat sich der Artikel qualitativ und quantitativ fast verdoppelt. Jetzt dürfte er nur noch ein paar Leser mehr finden. ;-)

Viele Grüße

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Gnurpel am 21-06-’12 10:56

Interessant ist, dass mehrere der inzwischen gesammelten Fehler miteinander zu tun haben:
Schwäche Nummer 4: die Angst, Verluste zu realisieren
Schwäche Nummer 7: Die Fixierung auf den Einstandpreis
Schwäche Nummer 8: Klammern an Entscheidungen
Das einzig Wahre ist, die Vergangenheit insgesamt zu ignorieren. Egal, was man bezahlt hat, egal, was es mal wert war, egal was man wann getan hat. Die entscheidende Frage ist: Was für ein Potential haben die x Anteile, die man jetzt hält? Wenn man sie jetzt zu diesem Kurs kaufen würde, sollte man sie behalten. Wenn man sie jetzt zu diesem Kurs nicht kaufen würde, sollte man sie abstoßen.
Das bringt mich zu

Schwäche Nr. 10: Die Unfähigkeit, so objektiv wie möglich zu urteilen.

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Holger am 21-06-’12 23:03

Hallo Gnurpel,
danke!

Ich denke auch, dass viele Schwächen miteinander zu tun haben. Insbesondere 7 und 8 sind letztlich wohl Spielarten des Einrahmungs-Effekts (Framing): Der Einstandspreis bildet einen Rahmen, von dem man sich nicht mehr lösen kann – und das beeinflusst das Urteil über die zukünftigen Aussichten. Bei 4 spielt das sicher auch mit rein, aber es kommt das Phänomen hinzu, dass Menschen bei Verlusten stärker leiden, als sie bei einem Gewinn in gleicher Höhe Freude empfinden – das ist dann noch einmal etwas anderes.

Und wenn 10 nicht wäre, dann wäre in der Tat viel gewonnen. ;-)

Viele Grüße
Holger

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